Promovendin: Anja Koszuta
Keywords: Bildungslandschaften, Bildungsnetzwerke, Bildungsgerechtigkeit
Gutachtende: Prof. Dr. Pierre Tulowitzki, Prof. Dr. Bianca Prietl
Projektbeginn: FS 2023

Abstract

Dem Schweizer Bildungssystem wurde in der Vergangenheit wiederholt eine hohe soziale Selektivität attestiert (Becker & Schoch, 2018; SKBF, 2023). Eine (von mehreren möglichen) Antwort(en) auf diesen Befund könnte der Aufbau von Bildungslandschaften sein. Diese Dissertation fasst Bildungslandschaften als «langfristige, professionell gestaltete auf gemeinsames, planvolles Handeln abzielende Netzwerke zum Thema Bildung, die – ausgehend von der Perspektive des lernenden Subjekts – formale Bildungsorte und informelle Lernwelten umfassen und sich auf einen definierten lokalen Raum beziehen» (Bleckmann & Durdel, 2009, S. 12) auf. Durch die Zusammenführung von formalen, informellen und non-formalen Lernsettings zeichnen sich Bildungslandschaften durch ein ganzheitliches Bildungsverständnis aus und verstehen Bildung auch als Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung. Gerade im Hinblick auf soziale benachteiligte Personengruppen wird im Zusammenspiel von formalen, non-formalen und informellen Bildungssettings die Chance gesehen, losgelöst vom leistungsorientierten Schulsystem, eigene Fertigkeiten zu entdecken und auszubauen (Bollweg & Otto, 2011). Darüber hinaus wird angenommen, dass die Kooperation der verschiedenen Bildungsakteure in eine Vielfalt von Bildungssettings mündet, die wiederum auf die heterogenen und individuellen Bedürfnisse und Interessen der Bevölkerung flexibler eingehen können. Zudem wird Bildungslandschaften das Potenzial zugesprochen, Bildungsbenachteiligungen nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern auch auf organisationstheoretischer Ebene bearbeiten zu können.

Für den Schweizer Kontext liegt bisher kaum Forschung zu Bildungslandschaften vor. Die Ergebnisse der von der Jacobs Foundation geförderten Studie weisen unter anderem in die Richtung, dass Bildungslandschaften eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen schulischen und ausserschulischen Akteuren erlauben und die Bildungsmöglichkeiten sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Eltern durch den Aufbau von Bildungslandschaften vielfältiger geworden sind. Nebst der Schaffung neuer Angebote sei es ausserdem gelungen, mehr Kinder und Jugendliche zu erreichen (Huber et al. 2019). Eine explizite Einbindung von gerechtigkeitstheoretischen Ansätzen findet jedoch nicht statt. Auch im bisherigen Forschungsdiskurs werden Bildungslandschaften und ähnlich gelagerte Initiativen selten in Bezug zu ihrer häufigsten Zielsetzung – nämlich die Verbesserung von Bildungsgerechtigkeit – gesetzt.

Die Dissertation soll daher einen empirisch fundierten Beitrag dazu leisten, inwiefern Bildungsgerechtigkeit durch Bildungslandschaften gefördert wird. Im Fokus stehen die drei Hauptsachsen sozialer Ungleichheiten: soziale Herkunft, Migrationshintergrund sowie Geschlecht. Die Daten entstammen der Studie «Bildungslandschaften Schweiz» der Jacobs Foundation, die im Zeitraum von 2012 bis 2018 in mehreren Schweizer Kantonen umgesetzt wurde. Dieses Programm erlaubt Feldzugang für eine auf fünf Jahre angelegte Begleitstudie. Während der Programmlaufzeit sind insgesamt 22 Bildungslandschaften in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz entstanden.

Die Beantwortung der Forschungsfrage erfolgt mittels qualitativer und quantitativer Zugänge. Die implementierten Bildungslandschaften werden zunächst mittels einer Dokumentenanalyse daraufhin beleuchtet, welche Aktivitäten und Massnahmen mit dem Ziel, Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen durchgeführt werden und im Hinblick auf ihren potenziellen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit diskutiert. In einem zweiten Schritt werden die Bildungslandschaften hinsichtlich ihrer Motive sowie ihrer konkreten Ausgestaltung betrachtet und diese im Zusammenhang mit ihrer Bedeutung für den Abbau von Bildungsungleichheit betrachtet. Mehrebenanalytische Verfahren sollen schliesslich Aussagen über die Nutzung der Angebote in den Bildungslandschaften von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zum Ende der Projektlaufzeit sowie Einflussfaktoren der Nutzung erlauben.
 

Literatur

Becker, R., & Schoch, J. (2018). Soziale Selektivität—Empfehlungen des Schweizerischen Wissenschaftsrates SWR - Expertenbericht von Rolf Becker und Jürg Schoch im Auftrag des SWR. Politische Analyse, 3, 1–82. https://www.swir.ch/images/stories/pdf/de/Politische_Analyse_SWR_3_2018_SozialeSelektivitaet_WEB.pdf

Bleckmann, P., & Durdel, A. (2009). Einführung: Lokale Bildungslandschaften – die zweifache Öffnung. In P. Bleckmann & A. Durdel (Hrsg.), Lokale Bildungslandschaften (S. 11–16). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91857-0_1

Bollweg, P., & Otto, H.-U. (Hrsg.). (2011). Räume flexibler Bildung: Bildungslandschaft in der Diskussion (1. Auflage). VS Verlag

SKBF. (2023). Bildungsbericht Schweiz 2023. Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung. https://www.skbf-csre.ch/fileadmin/files/pdf/bildungsberichte/2023/BiBer_2023_D.pdf