Autor: Dr. phil. des. Matthias Wittwer
Gutachtende: Prof. Dr. Roland Messmer, Prof. Dr. Uwe Pühse, Prof. Dr. André Gogoll
Projektdauer: 2019-2024

Problemstellung und theoretische Verankerung
Der professionellen Kompetenz von Lehrpersonen wird eine grosse Bedeutung für die Qualität des Unterrichts und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zugeschrieben (Hattie, 2009; Baumert & Kunter, 2011). Während in verschiedenen Fachbereichen empirische Befunde zu den Effekten dieser Zusammenhänge vorliegen (z.B. Baumert & Kunter, 2011; Lenske et al., 2016), fehlen diese für den Fachbereich Sport bisher weitgehend (vgl. Heemsoth, 2016). Das vom SNF finanzierte Projekt PCK-Sport 3:1 setzt bei dieser Forschungslücke an und untersucht die implizite Wirkungskette (Neuweg, 2014; Terhart, 2012) von den professionellen Kompetenzen der Lehrperson über die Qualität des unterrichtlichen Handelns (Performanz) bis hin zum Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler im Fach Sport. Das Promotionsvorhaben konzentriert sich im Rahmen des Forschungsprojekts PCK-Sport 3:1 auf den Teilaspekt des fachspezifischen Professionswissens der Sportlehrpersonen und dessen Bedeutung für Schülerkompetenzen. Im deutschsprachigen Raum hat die COACTIV-Studie massgeblich dazu beigetragen, die Bedeutung des Professionswissens als Teil professioneller Handlungskompetenz von Lehrpersonen zu bekräftigen (Kunter et al., 2011). Mittlerweile wird auch in sportdidaktischen Forschungsarbeiten die Frage nach dem Professionswissen von Sportlehrpersonen aufgegriffen (z.B. Messmer & Brea, 2015; Vogler, Messmer, & Allemann, 2017), hierbei ist jedoch „eine eher randständige Aufarbeitung etablierter Beiträge der fachübergreifenden Forschung festzustellen“ (Heemsoth, 2016, p. 42). Das Forschungsvorhaben dieser Dissertation setzt hier an und will fachspezifisches Professionswissen (Fachwissen [CK] & fachdidaktisches Wissen [PCK]) von Sportlehrpersonen erfassen sowie überprüfen, inwiefern die Schülerkompetenzen vom Fachwissen (CK) der Sportlehrpersonen bestimmt sind und welche Aspekte sich hierbei als entscheidend erweisen.

Forschungsfragen
Aufbauend auf den obigen Ausführungen lassen sich somit folgende Fragestellungen formulieren: 1. Lässt sich die zweidimensionale Struktur des Professionswissens im Fach Sport (CK & PCK) empirisch bestätigen? 2. Inwiefern beeinflusst das sportspezifische Fachwissen (CK) die analytischen und produktiven Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in ausgewählten curricularen Kompetenzbereichen und welche Bedeutung kommt hierbei der spezifische Kontextbezug zu?

Methode für Datenerhebung und -auswertung
Das Forschungsprojekt PCK-Sport 3:1 sieht ein längsschnittliches Untersuchungsdesign mit einer Instrumentalentwicklungs- und Pilotierungsphase vor. Um die Ergebnisse zwischen den verschiedenen Lehrpersonen und Klassen vergleichen zu können, sieht das Design der Untersuchung eine Standardisierung hinsichtlich dreier curricularer Kompetenzbereiche vor (spielerisch-taktischer, sportmotorisch-technischer und ästhetischer Bereich). Zwischen den zwei Messzeitpunkten finden drei spezifische Unterrichtsreihen zu den jeweiligen Kompetenzbereichen statt, für welche sowohl Lernzeit als auch Lernziele festgelegt werden.  Die Datenerhebung des Promotionsvorhabens fokussiert sich im Rahmen des Gesamtprojekts auf den Teilaspekt des Fachwissens (CK). Hierzu wird eine Testbatterie entwickelt, die auf ausgewählten Erhebungsinstrumenten aufbaut, den entsprechenden Kompetenzfacetten angepasst und empirisch geprüft werden. Neben der Verwendung klassischer Wissenstest zur Erhebung von expliziten Wissensanteilen soll der Fokus vor allem auf der Erfassung von implizitem Professionswissen liegen. Damit wird ein Desiderat aus der aktuellen Diskussion um Methoden zur Erfassung von Lehrerwissen aufgenommen, das die Entwicklung von Instrumenten fordert, die über klassische paper-and-pencil Tests hinausgehen (z.B. König, 2015). Zu diesem Zweck liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Entwicklung einer videobasierten Messung, mit welcher die professionelle Wahrnehmung und das Analyse- bzw. Reflexionsvermögen von Lehrpersonen erfasst werden kann. Dadurch soll eine Kopplung an tatsächliche Anforderungssituationen gewährleistet werden, was eine verknüpfte Erhebung von Lehrerwissen und -handeln ermöglicht (König, 2015). Als Grundlage hierzu dient das E-Learning-Tool bewegungslesen.ch (Owassapian & Hensinger, 2014). Die Erfassung weiterer Aspekte des Fachwissens sowie des fachdidaktischen Wissens basierend auf Erhebungsinstrumenten aus den Studien von Vogler et al. (2017) (Vignettenbefragung), Brühwiler et al. (2017), Heemsoth (2016) und Meier (2018) erfolgt im Rahmen des Gesamtprojekts. Dasselbe gilt für die Erhebung der analytischen und produktiven Lernerträge in den drei erwähnten Kompetenzbereichen auf Seiten der Schülerinnen und Schüler. Die entsprechenden Daten zur Beantwortung der aufgeführten Forschungsfragen werden intern zur Verfügung gestellt.

Erwarteter Gewinn der Arbeit
Durch die Schliessung der aufgezeigten Wissenslücken im Bereich des fachspezifischen Professionswissens von Sportlehrpersonen und der Erfassung der Bedeutung dieses Professionswissens für den Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler, besteht künftig die Möglichkeit, die Aus- und Weiterbildung von Sportlehrpersonen durch entsprechende Schwerpunktbildungen zu optimieren. Der gewählte Zugang über situationsspezifische Erhebungen des Professionswissens findet zudem bislang fächerübergreifend kaum Beachtung (Santagata & Yeh, 2016). Dieses Desiderat wird im Rahmen der Dissertation berücksichtigt.

Literatur
Baumert, J., & Kunter, M. (2011). Das Kompetenzmodell von COACTIV. In M. Kunter, J. Baumert, W. Blum, U. Klusmann, S. Krauss, & M. Neubrand (Eds.), Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (pp. 29-53). Münster: Waxmann.

Begall, M. (2018). Welches Fachwissen benötigen Sportlehrkräfte? Eine Analyse des Fachwissens in der Sportlehrkräftebildung. Sportunterricht, 9, 398-403.

Blömeke, S., Gustafsson, J.-E., & Shavelson, R. J. (2015). Beyond dichotomies: Competence viewed as a continuum. Zeitschrift für Psychologie, 223(1), 3-13.

Heemsoth, T. (2016). Fachspezifisches Wissen von Sportlehrkräften. Zeitschrift für sportpädagogische Forschung, 4(2), 41-60.

König, J. (2015). Kontextualisierte Erfassung von Lehrerkompetenzen. Einführung in den Thementeil. Zeitschrift für Pädagogik, 61(3), 305-309.  Meier, S. (2018). Fachdidaktisches Wissen angehender Sportlehrkräfte. Ein Konzeptualisierungsvorschlag. Zeitschrift für sportpädagogische Forschung, 6(1), 69-84.

Messmer, R., & Brea, N. (2015). Fachdidaktisches Können von Sportlehrpersonen - ein Kompetenzmodell. In U. Riegel, S. Sigrid, & K. Macha (Eds.), Kompetenzmodellierung und Kompetenzmessung in den Fachdidaktiken (pp. 79-93). Münster: Waxmann. 

Neuweg, G. H. (2014). Das Wissen von Wissensvermittler. Problemstellungen, Befunde und Perspektiven der Forschung zum Lehrerwissen. In E. Terhart, H. Bennewitz, & M. Rothland (Eds.), Handbuch der Forschung zum Lehrberuf (Vol. 2, pp. 583-614). Münster: Waxmann.

Owassapian, D., & Hensinger, J. (2014). bewegunglesen.com – Das E-Learning-Tool zur Bewegungslehre. In M. Schuhen & M. Froitzheim (Eds.), Das elektronische Schulbuch. Berlin: LIT Verlag.

Santagata, R., & Yeh, C. (2016). The Role of Perception, Interpretation, and Decision Making in the Development of Beginning Teachers’ Competence. ZDM Mathematics Education, 48(1-2), 153-165. doi:10.1007/s11858-015-0737-9

Shulman, L. S. (1986). Those Who Understand: Knowledge Growth in Teaching. Educational Researcher, 15(2), 4-14.

Vogler, J., Messmer, R., & Allemann, D. (2017). Das fachdidaktische Wissen und Können von Sportlehrpersonen (PCK-Sport). German Journal of Exercise and Sport Research, 47(4), 335-347.