Beliefs zur Zeitgeschichte. Eine Untersuchung der Überzeugungen von Geschichtslehrer*innen an Gymnasien des Ruhrgebietes in der Berufseinstiegsphase

Autorin: Dr. des. Jennifer Lahmer-Gebauer

Das im Folgenden vorgestellte Dissertationsprojekt lässt sich an der Schnittstelle von Fachdidaktik und Professionsforschung verorten. Im Fokus stehen die sog. Beliefs von Geschichtslehrpersonen hinsichtlich der für das Fach Geschichte besonderen Epoche, der Zeitgeschichte.

Ausgangspunkt der Untersuchung waren drei theoretische Annahmen: Zum einen, dass Lehrpersonen als Expert*innen für das „Lernen und Lehren in der Schule betrachtet“ (Bromme 2008, 159) werden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Geschichtslehrpersonen als Schlüsselfaktor für erfolgreichen Geschichtsunterricht gelten (vgl. Messner/Buff 2007, 144). Zum anderen ist davon auszugehen, dass aus berufsbezogenen Überzeugungen im Zusammenspiel mit den Kompetenzaspekten Wissen, Selbstregulation und Motivation das professionelle Handeln von Lehrpersonen entsteht (vgl. Baumert/Kunter 2011, 33). Dabei verweisen Reusser et al. auf die wichtige Rolle der „subjektiv geprägten berufsbezogenen Überzeugungen (beliefs) von Lehrkräften“ (Reusser et al. 2011, 478). Schließlich kommt der Zeitgeschichte für den Geschichtsunterricht eine besondere Rolle zu. Daraus resultierte die für die Untersuchung leitende Frage, welche Überzeugungen Geschichtslehrpersonen bezüglich dieser Epoche im Allgemeinen und einer historischen Zäsur („1989“) im Besonderen aufweisen. Dabei fokussiert die Studie Berufseinsteiger*innen.

Das Projekt verfolgt zur Untersuchung dieser Fragestellung eine triangulativen Ansatz: Neben einem eher deskriptiv-heuristisch eingesetzten Begleitfragebogen, wurden Leitfadeninterviews mit 20 Geschichtslehrpersonen geführt und diese mittels Mayrings qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Außerdem wurden von den Proband*innen mitgebrachte Bildquellen in Anlehnung an die Visual History untersucht. Um darüber hinaus eine wissenschaftsbasierte Interpretationsfolie zu erhalten, mit Hilfe derer die Deutungen der Geschichtslehrpersonen zum ausgewählten historischen Geschehenszusammenhang 1989 rückgebunden und miteinander verglichen werden können, wurde ferner ein Korpus des Akademischen Diskurses zu 1989 analysiert. Schließlich wurde die Geschichtstheorie Hayden Whites zur narrativen Systematisierung der Ergebnisse wirksam gemacht.

Die Studie gelangte auf diesem Wege zu folgenden Erkenntnissen:
Die Geschichtslehrpersonen definieren Zeitgeschichte als Kombination aus fluiden und zäsuralen Begrenzungen, womit ihr Verständnis anschlussfähig an die aktuelle Forschung ist. Auffallend ist dabei, dass von ihnen der Nationalsozialismus nicht mehr zur Zeitgeschichte gezählt wird. In fachdidaktischer Hinsicht wird deutlich, dass die Berufseinsteiger*innen zwar einerseits auf viele Prinzipien und Argumente Bezug nehmen. Andererseits aber wird kaum auf die Integration von aktuellen geschichtskulturellen Phänomenen oder die Einbeziehung von Zeitzeug*innen im Geschichtsunterricht verwiesen. Hinsichtlich des ausgewählten historischen Geschehenszusammenhangs 1989 dominieren die Erklärungsfaktoren „Protestbewegung“ und „Fehler im System“, während viele weitere mögliche Erklärungsmuster ungenannt bleiben. Deutlich wird hier, dass dies mit in Schulbuchanalysen herausgearbeiteten Basisnarrativen korrespondiert. Diese Konventionalität der Proband*innen wird ebenso in der Strukturierung ihrer Erzählungen deutlich. Hier dominiert das „Revolutions- und Freiheitsnarrativ“.