Beliefs und Zeitgeschichte - Eine Untersuchung der berufsbezogenen Überzeugungen von Geschichtslehrer*innen an Gymnasien im mittleren und östlichen Ruhrgebiet in der Berufseinstiegsphase

Promovendin: Jennifer Lahmer-Gebauer
Keywords:
Gutachtende: Prof. Dr. Marko Demantowsky, Prof. Dr. Martin Lengwiler, Prof. Dr. Christian Reintjes
Laufzeit: HS 17 - HS 21

Thema, Relevanz und Fragestellung
Das im Folgenden vorgestellte Dissertationsprojekt lässt sich als fachdidaktischer Anschluss an die erziehungswissenschaftliche Professionsforschung verstehen. Im Fokus stehen die sog. Beliefs von Geschichtslehrpersonen hinsichtlich der für das Fach Geschichte und seiner Spezifik exemplarischen Epoche, der Zeitgeschichte.

Ausgangspunkt der Untersuchung sind drei Annahmen:

1.     Lehrpersonen sind „die wichtigsten Akteure im Bildungswesen“ (Baumert/Kunter 2011, 29) und wer- den als Expert*innen für das „Lernen und Lehren in der Schule betrachtet“ (Bromme 2008, 159). Daraus schlussfolgernd, lassen sich Geschichtslehrer*innen als Schlüsselfaktor für erfolgreichen Geschichtsunterricht begreifen (vgl. Messner/Buff 2007, 144).

2.     Es ist zudem davon auszugehen, dass aus berufsbezogenen Überzeugungen im Zusammenspiel mit den Kompetenzaspekten Wissen, Selbstregulation und Motivation das professionelle Handeln von Lehrpersonen entsteht (vgl. Baumert/Kunter 2011, 33). Dabei verweisen Reusser et al. auf die wichtige Rolle der „subjektiv geprägten berufsbezogenen Überzeugungen (beliefs) von Lehrkräften“ (Reusser et al. 2011, 478). Sie seien bezüglich der Qualität des beruflichen Handelns von Lehr*in- nen von Bedeutung (vgl. ebd.) und würden deren Wahrnehmung, Beurteilung und folglich auch ihr Handeln beeinflussen (vgl. Pajares 1992, 307). Zudem hätten Beliefs Auswirkungen auf Handlungs- pläne und Unterrichtsentscheidungen (vgl. ebd., 326).

3.     Drittens kommt der Zeitgeschichte für den Geschichtsunterricht eine besondere Rolle zu: Die Be- schäftigung mit diesem Zeitabschnitt entspricht „einem elementaren Bedürfnis der jeweils lebenden Menschen nach historisch-politischer Orientierung in der Gegenwart“ und erhellt zugleich „die Ent- stehungssituation aktueller Probleme“ (Voit 2004, 29). Gleichzeitig ist Zeitgeschichte aufgrund des engen Bezugs zur Lebenswelt der Schüler*innen auch für das Schulfach Geschichte von enormer Bedeutung, da der Gegenwartsbezug historische Lernprozesse erleichtern könne (vgl. von Reeken 2005, 282). Ferner nehme das Interesse der Lernenden an Geschichte, wenn es um zeitgeschicht- liche Inhalte gehe, deutlich zu (vgl. von Borries 1999, 41-44) und es sind nicht zuletzt Interesse und Motivation, die für den Lernerfolg im Geschichtsunterricht bedeutsam sind.

Aus diesen Annahmen resultiert folgende Leitfrage für das vorliegende Dissertationsprojekt: Welche Beliefs weisen Geschichtslehrpersonen hinsichtlich der Epoche Zeitgeschichte auf?

Interessant erscheint an dieser Stelle eine Fokussierung auf die Gruppe der Geschichtslehrer*innen, die sich in der Berufseinstiegsphase befinden, da sich v.a. in dieser Phase zum Teil lang eingespielte Überzeugungen sowie subjektive Theorien manifestieren (vgl. Keller-Schneider/Hericks 2011, 302) und

„personenspezifische Routinen, Wahrnehmungsmuster und Beurteilungstendenzen sowie insgesamt die Grundzüge einer beruflichen Identität“ (Terhart 2000, 128) ausbilden.

Methodische Vorgehensweise und Sample
Für die Durchführung des Projektes konnten 20 Berufseinsteiger*innen von Gymnasien des Ruhrge- biets gewonnen werden, da anzunehmen ist, dass Gymnasiallehrpersonen ein besonders ausgeprägtes fachspezifisches Berufsverständnis haben. Die Berufseinstiegsphase soll für dieses Projekt als Zeit- raum von fünf Jahren nach dem Referendariat definiert werden. Als Vergleichsgruppe fungieren vier schweizerische Geschichtslehrpersonen, was deshalb als sinnvoll erscheint, weil Zeitgeschichte oft- mals national geprägt ist und zudem im Rahmen der Belief-Forschung häufig schweizerische und deut- sche Lehrer*innen vergleichend untersucht wurden, so dass hier auf die daraus resultierenden Erkennt- nisse rekurriert werden kann.

Die berufsbezogenen Überzeugungen dieser Geschichtslehrpersonen wurden mit differierenden und sich ergänzenden methodischen Verfahren erhoben. In einem ersten Schritt kam ein Fragebogen zum Einsatz, welcher u.a. Daten zum sozialen Hintergrund der Proband*innen, zu ihrer Schullaufbahn und Berufsbiografie sowie zu ihrem Geschichtsinteresse erhoben hat. Im Folgenden wurden mithilfe eines Leitfadens Interviews geführt, die Fragen und Impulse zur beruflichen Selbstwahrnehmung der Pro- band*innen, zu persönlichen Interessen, ihren Vorstellungen von (gutem) Geschichtsunterricht sowie zur Rolle der Zeitgeschichte und zum Verständnis der Lehrpersonen von dieser Epoche sowie mögli- chen Einflussfaktoren enthielten. Da zu den weiteren denkbaren Erhebungsverfahren für Beliefs über- dies Auswertungen von Materialien oder Aufzeichnungen gehören (vgl. Reusser et al., 484), wurden die Lehrpersonen des Weiteren gebeten, im Rahmen der Haupterhebung je eine schriftliche und eine bild- liche Quelle zum Gespräch mitzubringen, da der „Einsatz von Quellen im Geschichtsunterricht [gehört] zu den wenigen fast völlig unumstrittenen Grundprinzipien schulischer Geschichtsvermittlung“ (Spieß 2014, 13) gehört. Quellen bilden deshalb einen elementaren Bestandteil der Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht und sind folglich im Bezug auf die Untersuchung der Beliefs von Geschichts- lehrkräften als bedeutsam einzuschätzen.

Die Auswertung des Datenmaterials soll nach Mayrings qualitativer Inhaltsanalyse vorgenommen wer- den. In Anlehnung an Reinhoffer kann mit diesem Verfahren eine Kombination aus deduktiver und in- duktiver Kategorienbildung erfolgen. So können einerseits zentrale Aspekte des Forschungsinteresses, die sich im Leitfaden wiederfinden, berücksichtigt werden, aber andererseits weiterhin Erkenntnisse aus dem Material heraus gewonnen werden (vgl. Reinhoffer 2005).

Exemplarisch wurden für die Untersuchung der Fachlehrer*innen zum Thema Zeitgeschichte zwei In- halte ausgewählt, die einschneidende Zäsuren in der jüngsten Geschichte darstellen: Die Geschehnisse des Jahres 1989 (vgl. Siebold 2014, 3) sowie die Anschläge vom 11. September 2001 (vgl. Berg 2011). Zu diesen Themen sollten die Geschichtslehrpersonen wie vorgestellt Quellenmaterial mitbringen.

Literatur
Baumert, Jürgen/Kunter, Mareike: Das Kompetenzmodell von COACTIV, in: Professionelle Kompe- tenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV, hrsg. von Mareike Kunter u.a., Münster 2011, S. 29-53.

Baumert, Jürgen/ Kunter, Mareike: Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften, in: Zeit- schrift für Erziehungswissenschaft 9 (2006), S. 478-520.

Berg, Manfred: Der 11. September – Eine historische Zäsur?, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), 3, S. 463-474 (Online Ausgabe:http://www.zeithistorische- forschungen.de/3-2011/id%3D4411, letzter Zugriff 25.10.2015).

Borries, Bodo von: Jugend und Geschichte. Ein europäischer Kulturvergleich aus deutscher Sicht, Opladen 1999.

Bromme, Rainer: Lehrerexpertise, in: Handbuch der Pädagogischen Psychologie, hrsg. von Wolfgang Schneider und Marcus Hasselhorn, Göttingen u.a. 2008, S. 159-167.

Keller-Schneider, Manuela/Hericks, Uwe: Forschungen zum Berufseinstieg. Übergang von der Ausbil- dung in den Beruf, in: Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf, hrsg. von Ewald Terhart u.a., Münster 2011, S. 296-313.

Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12., überarbeitete Aufl. Wein- heim, Basel 2015.

Messner, Helmut/Buff, Alex: Lehrerwissen und Lehrerhandeln im Geschichtsunterricht – didaktische Überzeugungen und Unterrichtsgestaltung, in: Geschichtsunterricht heute. Eine empirische Analyse ausgewählter Aspekte, hrsg. von Peter Gautschi u.a., Zürich 2007, S. 143-175.

Pajares, M. Frank: Teachers’ Beliefs and Educational Research: Cleaning Up a Messy Construct, in: Review of Educational Research 62 (1992), 3, S. 307-332.

Reeken, Dietmar von: Eine ganz normale Epoche? Überlegungen zur Zeitgeschichte in Geschichts kultur und Geschichtsunterricht, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2 (2005), 2, S. 280-286. (Online Ausgabe: www.zeithistorische-forschungen.de/2- 2005/id%3D4648; letzter Zugriff: 25.10.2015).

Reinhoffer, Bernd: Lehrkräfte geben Auskunft über ihren Unterricht. Ein systematisierender Vor- schlag zur deduktiven und induktiven Kategorienbildung in der Unterrichtsforschung, in: Die Praxis der Qualitativen Inhaltsanalyse, hrsg. von Philipp Mayring und Michaela Gläser-Zikuda, Weinheim, Basel 2005, S. 123-141.

Reusser, Kurt/Pauli, Christiane/Elmer, Anneliese: Berufsbezogene Überzeugungen von Lehrerinnen und Lehrern, in: Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf, hrsg. von Ewald Terhart u.a., Müns- ter 2011, S. 478-495.

Siebold, Angela: 1989 – eine Zäsur globaler Reichweite?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 24-26 (2014), S. 3-9.

Spieß, Christian: Quellenarbeit im Geschichtsunterricht. Die empirische Rekonstruktion von Kompe- tenzerwerb im Umgang mit Quellen, Göttingen 2014.

Sutor, Bernhard: Historisch-politische Bildung – Ein Interdependenzverhältnis, in: alt.sowi- online.de/reader/historisch-politisch/sutor_interdependenz.htm, veröffentlicht 2005 (letzter Zugriff: 25.10.2015).

Terhart, Ewald: Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland. Abschlussbericht der von der Kul- tusministerkonferenz eingesetzten Kommission, Weinheim, Basel 2000.

Voit, Hartmut: „Zeitgeschichte als Aufgabe“ – Überlegungen in geschichtsdidaktischer Absicht, in Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik. Schnittmengen – Problemhorizonte – Lernpotentiale, hrsg. von Marko Demantowsky und Bernd Schönemann, Bochum, Freiburg 2004, S. 19-34.