Allgemein- versus Berufsbildung als Vorbereitung auf tertiäre Gesundheitsausbildungen – andersartig, aber gleichwertig? Ein konventionensoziologischer Vergleich zweier konkurrierender Bildungswege in der Schweiz.

Autorin: Dr. des. Raffaella Esposito

Abstract
Die Dissertation war Teil des vom Schweizerischen Nationalfonds finanziell unterstützten Forschungsprojektes Die Fachmittel-/Fachmaturitätsschule (FMS) als eigenständiger Bildungsweg neben Berufsbildung und Gymnasium – Prozesse und Ergebnisse ihrer Positionierung und Profilierung (SNF-100019_162987).

Ausgangspunkt der Dissertation ist der Umstand, dass bildungspolitische Bemühungen zur Linderung des ungedeckten Bedarfs an tertiären Gesundheitsfachkräften (u. a. Dolder, Grünig 2016; Rüesch et al. 2014) fast ausnahmslos auf die berufliche Grundbildung zur/m Fachfrau/mann Gesundheit (BGB FaGe) abzielen, während – die ebenfalls auf der Sekundarstufe II angesiedelte – schulisch-allgemeinbildende und hinsichtlich der Tertiärzugänge im Bereich Gesundheit funktional anschlussäquivalente Fachmittelschule mit Berufsfeld Gesundheit (FMS Gesundheit) weitestgehend unbeachtet bleibt.

Ausgehend von dieser erklärungsbedürftigen Ausgangslage verfolgte die Dissertation das Ziel, die Bedeutung der allgemeinbildenden FMS Gesundheit als Ausbildungsprogramm im Bereich Gesundheit auf der Sekundarstufe II des Schweizer Bildungssystems im Vergleich zur BGB FaGe zu untersuchen. Dazu fokussiert die Studie im Rahmen der beiden Hauptfragen die Positionierung und Profilierung der beiden Ausbildungsprogramme.

Theoretisch greift die vorliegende Dissertation auf das analytische Instrumentarium der Soziologie der Konventionen/Économie des conventions (Boltanski, Thévenot 2007; Diaz-Bone 2018a) zurück, die sowohl institutionelle Transformationen, Reformen und Stabilität als auch unterschiedliche Wertigkeiten (Qualitäten) von Bildungswegen konzeptionell zu fassen und erklären vermag. Die Bedeutung der FMS Gesundheit neben der BGB FaGe auf der Sekundarstufe II wird basierend auf einem Mixed-Methods-Design in Kombination mit einem (kantonalen) Fallstudiendesign über die sprachregionalen Grenzen der Deutschschweiz und der lateinischen Schweiz hinweg vergleichend untersucht.

Die Dissertation zeigt, welche Dynamiken der Beharrung und des Wandels das Verhältnis zwischen der FMS Gesundheit und der BGB FaGe in unterschiedlichen Sprachregionen geprägt haben und bis heute Spannungsfelder und Konfliktlinien zwischen den Vertreter/innen der beiden Ausbildungsprogramme fundieren.

Statistische Auswertungen legen dar, dass die beiden Ausbildungsprogramme unterschiedlich gelagerte Bildungsverläufe in die tertiären Gesundheitsausbildungen befördern. Mit der weitgehenden Ignoranz der FMS Gesundheit in den bildungspolitischen Fachkräftediskussionen wird daher das doppelte Potenzial der beiden Zugangswege für die Ausbildung von Nachwuchsfachkräften im Gesundheitsbereich nicht ausgeschöpft.

Die Ergebnisse zur Frage der Profilierung verdeutlichen theoriebezogen, worin sich die beiden funktional anschlussäquivalenten Bildungswege in Bezug auf ihre Lehr- und Lerndispositive unterscheiden und worin ihre spezifischen Qualitäten liegen sowie basierend darauf auch, dass Lehr- und Lerndispositive – neben anderen institutionellen Faktoren – eine weitere Dimension zur Erklärung ausbildungsprogrammspezifischer Tertiärquoten und unterschiedlicher Bildungsverläufe sind (Leemann et al. 2019).

Die Dissertation leistet zudem eine theoretische Weiterentwicklung, indem im Hinblick auf die Bedürfnisse einer konventionensoziologisch angeleiteten (Berufs-) Bildungsforschung erstmalig die häusliche Konvention feldspezifisch (schulisch und betrieblich) ausdifferenziert wird.

Literatur
Boltanski, L., Thévenot, L. (2007): Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition

Diaz-Bone, R. (2018a): Die «Economie des conventions». Wiesbaden: Springer VS.

Dolder, P., Grünig, A. (2016): Nationaler Versorgungsbericht für die Gesundheitsberufe 2016. Nachwuchsbedarf und Massnahmen zur Personalsicherung auf nationaler Ebene.

Leemann, R. J., Esposito, R. S., Pfeifer Brändli, A., Imdorf, C. (2019): Handlungskompetent oder studierfähig? Wege in die Tertiärbildung: Die Bedeutung der Lern- und Wissenskultur, www.sgab-srfp.ch/de/newsletter/handlungskompetent-oder-studierfaehig, letzter Aufruf 26. Juni 2020.

Rüesch, P., Bänziger, A., Dutoit, L., Gardiol, L., Juvalta, S., Volken, T., Künzli, K. (2014): Prognose Gesundheitsberufe Ergotherapie, Hebammen und Physiotherapie 2025. ZHAW Reihe Gesundheit Nr. 3. Winterthur.