Überzeugungen von Eltern und Lehrpersonen und Leistungen von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund

Promovierende: Edith Niederbacher, edith.niederbacher@fhnw.ch
Keywords:
Leistungsentwicklung, Migrationshintergrund, Überzeugungen von Eltern und Lehrpersonen
Gutachtende: Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander, Prof. Dr. Alexander Grob
Laufzeit: HS 2014-?

National und international wird in Schulleistungsstudien regelmässig empirisch bestätigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund tiefere schulische Leistungen erbringen als Kinder ohne Migrationshintergrund (Bonsen, Kummer, & Bos, 2008; Konsortium PISA.ch, 2010; Schwippert, Hornberg, Freiberg, & Stubbe, 2007). Diese Leistungsdisparitäten sind zu einem grossen Teil durch die soziale Herkunft bedingt, d.h. durch Unterschiede im Vorhandensein der finanziellen, zeitlichen, sozialen und intellektuellen Ressourcen einer Familie (Bader & Fibbi, 2012; Eccles, 2007; Konsortium PISA.ch, 2010). Die unterschiedlichen Ressourcen wirken über verschiedene Kanäle auf die Leistungen der Kinder, beispielsweise über elterliche Überzeugungen, Handlungen oder finanzielle sowie kognitive Möglichkeiten der Eltern, ihr Kind schulisch zu unterstützen (Eccles, 2007). In ihrem Modell der familiären Sozialisation postuliert Eccles (1993), dass Eltern, geprägt von strukturellen Merkmalen (z. B. Bildungsmilieu, Nationalität), Überzeugungen entwickeln, welche ihr pädagogisches Handeln steuern, was wiederum die schulischen Leistungen der Kinder beeinflusst (Neuenschwander, Vida, Garrett & Eccles 2007). Lehrpersonenüberzeugungen und -erwartungen spielen für die Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern ebenfalls eine große Rolle. Gemäß dem theoretischen Modell von Jussim, Eccles und Madon (1996) nehmen Lehrpersonen Merkmale der Schülerinnen und Schüler (z. B. frühere schulische Leistungen, kognitive Fähigkeiten) wahr und entwickeln dementsprechende Überzeugungen, welche auf die Schulleistungen der Kinder wirken. In zahlreichen empirischen Studien wurden Effekte von Lehrpersonenerwartungen auf die Leistungen von Schülerinnen und Schülern bestätigt (z.B. Friedrich et al. 2015). Dabei hat sich gezeigt, dass die Erwartungen von Lehrpersonen bei gleichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler teilweise je nach sozialer oder ethnischer Herkunft der Kinder verzerrt sind (Jussim et al. 1996; Peterson, Rubie-Davies, Osborne & Sibley 2016, Lorenz et al. 2016).

Es wird daher angenommen, dass Lehrperson und Eltern mit ihren Überzeugungen bei der Reproduktion von Bildungsdisparitäten eine Rolle spielen. Für die Schweiz gibt es zu diesem Thema jedoch kaum empirische Befunde. Es mangelt an Wissen zum Mechanismus, wie die Überzeugungen von Eltern und Lehrpersonen mit strukturellen familiären Merkmalen zusammenspielen und inwiefern sich dies auf die Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler auswirkt.

Die vorliegende Dissertation soll einen Beitrag zur Schliessung dieser Forschungslücke leisten. Es wird das Zusammenspiel von verschiedenen Arten von Überzeugungen von Eltern und Lehrpersonen sowie deren Bedingungen und Folgen für die Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund untersucht.

Die empirischen Analysen werden mit dem Längsschnittdatensatz des SNF-Forschungsprojekts „Wirkungen der Selektion WiSel“ (ZLS, PH FHNW, Leitung: Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander), durchgeführt. Die Stichprobe des Projekts umfasst 1735 Schülerinnen und Schüler (zu t1) in 5 Deutschschweizer Kantonen, die zwischen dem 5. und dem 7. Schuljahr zu drei Messzeitpunkten Fragebogen ausfüllten und Leistungstests in den Fächern Deutsch und Mathematik absolvierten. Die Eltern und Klassenlehrpersonen der Schülerinnen und Schüler wurden ebenfalls mittels Fragebogen befragt. Als statistische Verfahren werden in der Dissertation Regressionsanalysen und Mehrebenen-Strukturgleichungsmodelle verwendet.

Literatur
Bader, D. & Fibbi, R. (2012): Kinder mit Migrationshintergrund: ein grosses Potenzial. Neuchâtel.

Bonsen, M., Kummer, N. & Bos, W. (2008): Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. In: Bos, W., Bonsen, M., Baumert, J., Prenzel, M., Selter, C. & Walther, G. (Hrsg.): TIMSS 2007. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz von Grundschülern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster, 157-175.

https://redesign-bildungswissenschaften.unibas.ch/Eccles, J. S. (1993): School and family effects on the ontogeny of children's interests, self-perceptions, and activity choice. In: Nebraska symposium on motivation, 1992: Developmental perspectives on motivation, 40, 145-208.

Eccles, J. S. (2007): Families, Schools, and Developing Achievement-Related Motivations and Engagement. In: Grusec, J. & Hastings, P. (Eds.): Handbook of Socialisation. Theory and Research. New York, 665-691.

https://redesign-bildungswissenschaften.unibas.ch/Friedrich, A., Flunger, B., Nagengast, B., Jonkmann, K. & Trautwein, U. (2015): Pygmalion effects in the classroom: Teacher expectancy effects on students' math achievement. Contemporary Educational Psychology, 41, 1-12.

Jussim, L., Eccles, J. S. & Madon, S. (1996): Social perception, social stereotypes, and teacher expectations: Accuracy and the quest for the powerful self-fulfilling prophecy. In: Zanna, M. P. (Ed.): Advances in Experimental Social Psychology, Vol. 28. San Diego, 281–388.

Konsortium PISA.ch (2010): PISA 2009: Schülerinnen und Schüler der Schweiz im internationalen Vergleich. Erste Ergebnisse. Bern, Neuchâtel.

Lorenz, G., Gentrup, S., Kristen, C., Stanat, P. & Kogan, I. (2016): Stereotype bei Lehrkräften? Eine Untersuchung systematisch verzerrter Lehrererwartungen. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 68(1), 89-111.

Niederbacher & Neuenschwander (in press). Wie elterliche Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und Lehrpersonenerwartungen die Leistungsentwicklung von Grundschulkindern mit unterschiedlicher Familiensprache erklären, Zeitschrift für Grundschulforschung.

Neuenschwander, M. P., Vida, M., Garrett, L. & Eccles, J. S. (2007): Parents' expectations and students' achievement in two western nations. International Journal of Behavioral Development, 31(6), 594–602.

Peterson, E. R., Rubie-Davies, C. M., Osborne, D. & Sibley, C. G. (2016): Teachers' explicit expectations and implicit prejudiced attitudes to educational achievement: Relations with student achievement and the ethnic achievement gap. Learning and Instruction, 42, 123-140.

Schwippert, K., Hornberg, S., Freiberg, M. & Stubbe, T. C. (2007): Lesekompetenzen von Kindern mit Migrationshintergrund im internationalen Vergleich. In: Bos, W., Hornberg, S., Arnold, K.-H., Faust, G., Fried, L., Lankes, E.-M., Schwippert, K. & Valtin, R. (Hrsg.): IGLU 2006. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster, 249-270.