Promovendin: Stephanie Gyger
Keywords: Erwachsenenbildung, Weiterbildung in der Schweiz, Grundbildung, Adressat*innenforschung, Teilnahmeforschung, Passungsverhältnisse, Situationsanalyse, Diskursanalyse
Gutachtende: Prof. Dr. Ulla Klingovsky (Pädagogische Hochschule FHNW), Prof. Dr. Bianca Prietl (Universität Basel)
Projektbeginn: FS 2026

Ausgangslage
„Bildung für alle“ markiert einen Widerspruch zwischen globalem Leitbild und fortbestehender Ungleichheiten. Der Erwachsenenbildung wird eine zentrale Rolle bei der Entwicklung passender Angebote für marginalisierte Zielgruppen zugeschrieben (UNESCO, 2021). In der Schweiz sind seit 2017 im Rahmen des WeBiG kantonale Programme zur Förderung der Grundkompetenzen entstanden. Die Wirksamkeit der Angebote wird über Teilnahmequoten bestimmt (SBFI, 2025a, 2025b). Aktuelle Studien zeigen, dass noch immer über rund ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung unzureichende Grundkompetenzen verfügen, während gerade gering Qualifizierte Weiterbildung unterdurchschnittlich nutzen (BFS, 2025, 2024, SKBF, 2023). Derzeit werden deshalb neuartige, niederschwellige Lernraumangebote entwickelt, die auf ‘Passung’ (Tietgens, 1981, Hoffmann et al., 2021, Zeuner, 2022) zwischen Bildungsbedürfnissen von Menschen in prekären Lebenslagen und gesellschaftlichen Bildungsbedarfen zielen. ‘Bildung für alle’ im Sinne von Teilhabe am lebenslangen Lernen soll durch den (Wieder-)Einstieg in die Weiterbildung ermöglicht werden (Adili & Eser Davolio, 2024). Unklar bleibt, wer warum diese Angebote wahrnimmt, in welcher Weise Passung realisiert und was damit erreicht wird. Lernraumangebote, so die These der Arbeit, erweitern den je angebotsspezifischen Möglichkeitsraum für Passung und machen dadurch sichtbar, wie Bildungsbedarfe und -bedürfnisse diskursiv produziert und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Die Rekonstruktion von Passung stellt in Bezug auf Lernraumangebote ein Desiderat dar.

Erkenntnisinteresse
Die Studie rekonstruiert Passung in Lernraumangeboten. Die Analyse fokussiert auf die Angebotsprogrammatik und ihrer Adressierungspraxis, Entscheidungsgründe für Teilnahme sowie retrospektive Bewertungen zum Erfolg der Angebote seitens der Teilnehmenden und Angebotsleitenden. Sie beleuchtet Wirksamkeit bezüglich der Erreichung marginalisierter Zielgruppen, die Konstruktion von Bildungsbedarfen, individuellen Bildungsinteressen und gesellschaftlichen Teilhabechancen. Die Studie liefert Erkenntnisse zur Reichweite, Bedingungen der Teilnahme und Formen der Teilhabe. Die Kernfrage lautet: Wie konstituiert sich Passung in Lernraumangeboten?

Theoretische Verankerung
Die Studie ist an der Schnittstelle von Alphabetisierungs- und Grundbildungsforschung sowie der Adressaten-, Teilnehmer- und Zielgruppenforschung verortet (Mania, 2017, 2025, Leck et al. 2025, Bremer et al. 2015). Zentral ist der Begriff der Passung. Hoffmann et al. (2021) weisen auf Strukturkonflikte zwischen individueller und institutioneller Ebene hin und legen ein Modell situativer (Nicht-)Passung vor. Passungsverhältnisse entstehen prospektiv, situativ und retrospektiv in einem dynamischen Aushandlungszusammenhang. Um diesen zu erschliessen, greift die Studie auf die Soziale Welten/Arenen-Theorie nach Clarke, Friese & Washburn (2018) zurück. Grundbildung wird als Arena erkennbar, in der Akteur*innen in Form sozialer Welten an der Bedeutungsproduktion beteiligt sind (Clarke, 2012). Lernraumangebote sind (abstrahierte) Austragungsorte. Die Erfassung der Arena basiert auf einem pragmatistisch fundierten, poststrukturalistisch erweiterten Situationsbegriff (Clarke et al., 2018, Klingovsky, 2021). Dadurch wird es möglich, die Produktion und Zirkulation von Diskursen als diskursive Praxis zu begreifen und Passung als Effekt spezifischer Aussageregelungen zu untersuchen, die u.a. prekäre Subjekte erst hervorbringen (Fegter et al., 2015, Prietl, 2018).

Forschungsfragen

  1. Wozu dieses Angebot (prospektiv)? Wie werden in Angebotsbeschreibungen Bedarfe beschrieben und wer wird damit wie adressiert? Welche Wirksamkeitserwartungen äussern Verantwortliche?
  2. Wozu Teilnahme (situativ)? Wie werden Bildungsbedürfnisse geäussert und Teilnahme begründet?  Wie wird zwischen Angebotsleitenden und Teilnehmenden dem Angebot Sinnhaftigkeit verliehen?
  3. Welches Ergebnis liegt vor (retrospektiv)? Wie wurden Angebot, Bildungsbedarfe und -bedürfnisse ins Verhältnis gesetzt? Wie wurden darin gesellschaftliche Teilhabe und Ausschluss formuliert?

Forschungsdesign
Die qualitative, rekonstruktive Mehrebenstudie verbindet diskursanalytische Zugänge (Fegter et al., 2015) mit der Situationsanalyse (Clarke et al. 2018). Untersucht werden Lernraumangebote der deutschsprachigen Kantone der SBFI-Liste (n≈10–15) (SBFI, 2025b). Die Datenerhebung kombiniert teilstrukturierte Interviews mit kantonalen Verantwortlichen (n≈10–15), Angebotsleitenden (n≈10–15) und Teilnehmenden (n≈15–20), teilnehmende Beobachtung (6–8 Feldtage pro Angebot) sowie Dokumentenanalyse, um Aussagen über Angebot, Teilnahme und Ergebnis zu gewinnen. Die Datenerhebung und -auswertung zielt auf Sättigung im Sinne einer ausdifferenzierten Beschreibung von (Nicht-)Passung. Die Analyse folgt den Schritten der Situationsanalyse auf Basis der Grounded Theory. Zuerst erfolgen unterschiedliche Codier- und Mappingverfahren zur Kartografierung der Arena, danach eine diskursanalytische Auswertung. Der Forschungsprozess wird durch Memos begleitet. Wissenschaftliche Qualität ergibt sich aus analytischer Transparenz, Triangulation und kommunikativer Validierung (Steinke, 2007).

Erwarteter Gewinn
Die Studie liefert erstmals empirische Rekonstruktionen zur Passung in Lernraumangeboten. Sie klärt, wie Teilnahme konzeptionell und praktisch ermöglicht wird, und liefert Erkenntnisse zur Adressierung und Entwicklung von Angeboten für marginalisierte Zielgruppen. Damit liefert sie eine Grundlage für Handlungsempfehlungen für Angebotsleitende, Kantone und politische Entscheidungsträger*innen. Indem die Situationsanalyse für die erziehungswissenschaftliche Diskursforschung fruchtbar gemacht wird, zielt die Studie ausserdem auf eine innovative Weiterentwicklung der erwachsenenpädagogischen Forschungslandkarte.

Literatur
Adili, Kushtrim & Eser Davolio, Miryam (2024). Kompensatorische Bemühungen in der Erwachsenenbildung: Späte Einsichten zu Ungleichheiten im Schweizer Bildungssystem. Zeitschrift für Sozialisationsforschung, 5(2), 1-11.

BFS, Bundesamt für Statistik (2024, 12.Dezember). Mikrozensus Aus- und Weiterbildung, 2021: Nichtteilnahme an Weiterbildung. [PDF-Datei] https://dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/30305516/master.

BFS, Bundesamt für Statistik (2025, 12. Dezember). PIAAC Schweiz – Kompetenzen von Erwachsenen. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/erhebungen/piaac.html.

Bremer, Helmut, Kleemann-Göhring, Mark & Wagner, Farina (2015). Sozialraumorientierung und „Bildungsferne“: Aufsuchende Bildungsarbeit und -beratung in der Weiterbildung. In Christian Bernhard, Katrin Kraus, Silke Schreiber-Barsch, Richard Strang (Hrsg.). Erwachsenenbildung und Raum: Theoretische Perspektiven - professionelles Handeln - Rahmungen des Lernens. S.105-116. Bertelsmann.

Clarke, Adele (2012). Situationsanalyse: Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Springer VS.

Clarke, Adele E., Friese, Carrie & Washburn, Rachel S. (2018). Situational Analysis: Grounded Theory After the Interpretive Turn. Edition 2. SAGE.

Fegter, Susann, Kessl, Fabian, Langer, Antje, Ott, Marion, Roth. Daniela & Wrana, Daniel (2015). Erziehungswissenschaftliche Diskursforschung: Theorien, Methodologien, Gegenstandskonstruktionen. In Susann Fegter, Fabian Kessl, Antje Langer, Marion Ott, Daniela Rothe & Daniel Wrana (Hrsg.). Erziehungswissenschaftliche Diskursforschung: Empirische Analysen zu Bildungs- und Erziehungsverhältnissen (S.9-55). Springer VS.

Hoffmann, Stefanie, Thalhammer, Veronika, von Hippel, Aiga & Schmidth-Hertha, Bernhard (2021). Situative (Nicht-) Passung als Erklärungsansatz von Drop-out in der Weiterbildung. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, 2021(3), 241-262.

Klingovsky, Ulla (2021). Empirie im Kursraum: (An)Ordnungen des Lehrens und Lernens unter den Bedingungen der Digitalität. In Christian Bernhard-Skala, Ricarda Bolten-Bühler, Julia Koller, Matthias Rohs & Johannes Wahl (Hrsg.). Erwachsenenpädagogische Digitalisierungsforschung. Impulse. Befunde. Perspektiven, S. 39-54. Wbv.

Leck, Johanna, Heymann, Luksa, Ehmig, Simone & Jester, Melanie (2025). Motivation und Verbindlichkeit bei gering literalisierten Erwachsenen. Wbv.

Mania, Ewelina (2017). Weiterbildungsbeteiligung sogenannter „bildungsferner Gruppen“ in sozialraumorientierter Forschungsperspektive. Wbv. 

Mania, Ewelina (2025). Zuständigkeiten in der Alphabetisierung und Grundbildung: Rahmenbedingungen für Programmplanung und Teilnehmendengewinnung. Hessische Blätter für Volksbildung, 75(4), 68-78.

Prietl, Bianca (2018). Ingenieurinnen, die es geschafft haben!? Symbolische Marginalisierungen prekärer Subjekte. Freiburger Zeitschrift für Geschlechterstudien. 24, 123-138.

SBFI, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2025a, 12. Dezember). Bundesgesetz über die Weiterbildung. https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2016/132/de.

SBFI, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2025b, 12. Dezember). Kantonale Programme zur Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener.  https://www.sbfi.admin.ch/de/kantonale-programme-zur-foerderung-der-grundkompetenzen-erwachsener.

SKBF, Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (2023). Bildungsbericht Schweiz 2023. [PDF-Datei] https://www.skbf-csre.ch/fileadmin/files/pdf/bildungsberichte/2023/BiBer_2023_D.pdf.

Steinke, Ines (2007). Qualitätssicherung in der qualitativen Forschung. In Udo Kuckartz, Heiko Grunenberg & Thorsten Dresing (Hrsg.). Qualitative Datenanalyse: computergestützt: Methodische Hintergründe und Beispiele aus der Forschungspraxis. S.176-187. VS.

Tietgens, Hans (1981). Die Erwachsenenbildung: Grundfragen der Erziehungswissenschaft. Juventa.

UNESCO-Institut für Lebenslanges-Lernen (2021). 4.Weltbericht zur Erwachsenenbildung. Niemand soll zurückbleiben: Teilnahme und Teilhabe. [PDF-Datei] gefunden unter https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000372274.

Zeuner, Christine (2022). Gesellschaftlicher Bildungsbedarf und subjektive Bildungsbedürfnisse: Perspektivverschränkungen. In Eduaction Permanente, Schweizerische Fachzeitschrift für Weiterbildung 2022(1), S.8-19.

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