Promovendin: Nadine Welten 
Keywords: Wertorientierungen, Schulleitung, Schulentwicklung, Mesoebene, Wertetransmission
Gutachtende: Prof. Dr. Elena Makarova (Universität Basel), Prof. Dr. Pierre Tulowitzki (Pädagogische Hochschule FHNW)
Projektbeginn: FS 2026

Abstract 
In diversen Disziplinen wird die Bedeutung von Werten umfassend diskutiert und ihnen eine zentrale Rolle für individuelles Handeln sowie für gesellschaftliches Zusammenleben zugeschrieben (Abels, 2018; Durkheim, 1893). Werte fungieren dabei einerseits als Orientierungsrahmen, in dem sich Individuum und Gesellschaft zueinander verorten lassen, und übernehmen andererseits eine handlungsleitende Funktion.

Schule wird als gesellschaftlich relevante Sozialisationsinstanz verstanden (Fend, 2009). Sie ist nicht nur Lernort, sondern Teil des Bildungs- und Gesellschaftssystems und auf der Mesoebene als Organisation mit eigener Kultur, Leitung, Teams und Programmen verortet. Trotz der Einbettung in ein stark reguliertes System verfügen Schulen über Handlungsspielräume, insbesondere im Rahmen von Schulentwicklungsprozessen (Fend, 2009).

Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schweizer Schulen impliziert die Vermittlung von Werten, die im Lehrplan 21 unter anderem über überfachliche Bildungsziele konkretisiert werden (D-EDK, 2016). Die Vermittlung von Werten mündet in gesellschaftlicher Integration und Ordnung und ergänzt die Qualifikationsfunktion der Schule um eine Integrationsfunktion (Fend, 2009). Nach der Familie stellt die Schule eine zentrale Instanz der Wertetransmission dar. Werte werden dabei sowohl vertikal zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene als auch horizontal im schulischen Alltag weitergegeben (Makarova et al., 2025).

Im Kontext zunehmender gesellschaftlicher Dynamiken, insbesondere des digitalen Wandels, gewinnt die Auseinandersetzung mit schulischen Werten an Bedeutung (Rolff, 2023). Schulentwicklung wird dabei als Zusammenspiel von Organisations-, Personal- und Unterrichtsentwicklung sowie translokaler Vernetzung verstanden. Dem Schulprogramm kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu, da sich darin das pädagogische Selbstverständnis einer Schule sowie ihre Werteprioritäten abbilden und für schulisches Handeln orientierend wirken (Rolff, 2023).

Schulleitungen sind auf der Mesoebene verortet und wirken als Vermittlungsinstanz zwischen politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen und pädagogischer Praxis (Fend, 2008, 2009). Sie organisieren schulische Abläufe, sichern die Qualität von Unterricht und gestalten die Schulkultur (Pietsch et al., 2025; Tulowitzki & Ruf, 2025). Dadurch üben sie direkte Einflüsse auf Organisations- und Personalentwicklung sowie indirekte Einflüsse auf die Unterrichtsentwicklung aus und vermitteln Werte sowohl explizit als auch implizit im schulischen Alltag (Perrenoud & Tulowitzki, 2021).

Als theoretische Grundlage dient die „Theory of Basic Human Values“ von Schwartz (1992), die eine Systematik der Inhalte und der Organisation von Werten beschreibt und international empirisch breit validiert ist (Schwartz, 2006). Das Modell erlaubt, Wertorientierungen systematisch zu erfassen und auf der Mesoebene von Schulen zu analysieren.

Schulen übernehmen im Sozialisationsprozess eine Schlüsselfunktion, da sie Wissen, Fähigkeiten und Werte gleichermassen vermitteln (Fend, 2009). Auf der Mesoebene gestalten Schulleitungen als Bindeglied zwischen bildungspolitischen Vorgaben und pädagogischer Praxis die Schulkultur und wirken damit an Prozessen der Wertetransmission mit (Fend, 2009; Hattie et al., 2024; Perrenoud & Tulowitzki, 2021). Während wertbezogene Bildungsziele und Praktiken von Lehrpersonen auf der Mikroebene empirisch untersucht sind (Oeschger et al., 2024), fehlen systematische Analysen zur Wertorientierung von Schulleitungen.

Das Dissertationsprojekt geht der übergeordneten Frage nach, welche Bedeutung den Wertorientierungen von Schulleitenden für Schulentwicklung zukommt. Im Fokus stehen folgende Forschungsfragen:

  1. Welche Werte äussern Schulleitende an Schweizer Primarschulen in Bezug auf Organisations-, Personal- und Unterrichtsentwicklung?
  2. Welche Werte sind in schulischen Dokumenten, insbesondere Schulprogrammen, enthalten?
  3. Wie werden Werteprioritäten in schulischen Entscheidungen, Routinen und Aushandlungsprozessen übersetzt?
  4. Welche Kohärenzen oder Spannungen zeigen sich zwischen persönlichen Werteprioritäten, dokumentierten Werten und berichteten Praktiken?

Das Dissertationsprojekt ist als eigenständige qualitative Studie konzipiert und knüpft an bestehende Forschung zur Wertorientierung im schulischen Kontext an. Aufgrund der bislang wenig erforschten Wertorientierung auf der Mesoebene im deutschschweizerischen Schulraum liegt der Fokus auf der Schule und der Schulleitung. Die Stichprobe umfasst Primarschulen der Deutschschweiz.

Die Dissertation folgt einem qualitativen Forschungsansatz mit dem Ziel, Wertorientierungen von Schulleitenden und deren Bedeutung für Schulentwicklung zu analysieren. Zur Berücksichtigung der organisationalen Komplexität von Schulen wird eine vergleichende Multiple-Case-Studie durchgeführt (Mayring, 2015; Krell & Lamnek, 2024). Die Datenerhebung erfolgt mittels halbstrukturierter Interviews mit Schulleitungen und Mitgliedern der Steuergruppe sowie durch die Analyse schulischer Dokumente. Die Auswertung erfolgt anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) unter Kombination deduktiver Kategorien auf Basis der Wertetypen nach Schwartz mit induktiven, kontextspezifischen Kategorien. Die Qualität der Ergebnisse wird durch Triangulation und transparente Dokumentation gesichert.

Die Dissertation liefert empirisch fundierte Erkenntnisse zur Rolle von Schulleitungen bei der Gestaltung, Vermittlung und Verankerung von Werten auf der Mesoebene. Sie zeigt, welche Wertorientierungen Schulleitende priorisieren und wie sich diese in Schulentwicklung, organisationalen Strukturen und schulischen Praktiken widerspiegeln. Damit leistet die Arbeit einen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Diskussion über Schulen als Wertegemeinschaften und bietet praxisrelevante Impulse für die Professionalisierung von Schulleitungen sowie die Weiterentwicklung von Schulen als werteorientierte Lern- und Lebensgemeinschaften.

Literatur 
Abels, H. (2018). Werte und Normen: Was Individuen in ihrer Gesellschaft verbindet und ihr Handeln bestimmt. In H. Abels (Ed.), Einführung in die Soziologie (S. 11-56). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/https://doi.org/10.1007/978-3-658-22476-9_2 

Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) (2016). Lehrplan 21. Überblick. D-EDK. https://www.lehrplan21.ch

Durkheim, É. (1893). Über soziale Arbeitsteilung : Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Suhrkamp. 

Fend, H. (2008). Schule gestalten : Systemsteuerung, Schulentwicklung und Unterrichtsqualität. In Lehrbuch (1. Aufl. ed.). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://toc.library.ethz.ch/objects/pdf/z01_978-3-531-15597-5_01.pdf 

Fend, H. (2009). Neue Theorie der Schule: Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen. 2., durchges. Aufl. VS Verl. für Sozialwiss. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91788-7 

Hattie, J., Wernke, S., & Zierer, K. (2024). Visible learning 2.0. Schneider Verlag Hohengehren. 

Krell, C., & Lamnek, S. (2024). Qualitative Sozialforschung (7. Aufl. ed.). Beltz. 

Makarova, E., Döring, A. K., Daniel, E., & Benish-Weisman, M. (2025). Editorial: Research on value development in the school context: new directions and approaches from an international perspective. European journal of psychology of education, 40(4), 116. https://doi.org/10.1007/s10212-025-01003-y 

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (12. Aufl. ed.). Beltz. 

Oeschger, T. P., Makarova, E., Raman, E., Hayes, B., & Döring, A. K. (2024). The interplay between teachers’ value-related educational goals and their value-related school climate over time. European journal of psychology of education, 39(4), 3633-3660. https://doi.org/10.1007/s10212-024-00849-y 

Perrenoud, O., & Tulowitzki, P. (2021). Images of Educational Leadership in Switzerland. In R. Normand, L. Moos, M. Liu, & P. Tulowitzki (Hrsg.), The Cultural and Social Foundations of Educational Leadership: An International Comparison (S. 123-138). Springer International Publishing. https://doi.org/10.1007/978-3-030-74497-7_7 

Pietsch, M., Tulowitzki, P., & Krein, U. (2025). Schulleitung und schulinterne Steuerung. In M. Syring, T. Bohl, A. Gröschner, & A. Scheunpflug (Hrsg.), Studienbuch Bildungswissenschaften. Unterricht und Schule gestalten (S. 279-301). Verlag Julius Klinkhardt. https://doi.org/https://doi.org/10.36198/9783838562193 

Schwartz, S. H. (1992). Universals in the Content and Structure of Values: Theoretical Advances and Empirical Tests in 20 Countries. In Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 25). Elsevier Science & Technology. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(08)60281-6 

Schwartz, S. H. (2006). A Theory of Cultural Value Orientations: Explication and Applications. Comparative sociology, 5(2-3), 137-182. https://doi.org/10.1163/156913306778667357 

Tulowitzki, P., & Ruf, L. (2025). Schulleitungsmonitor Schweiz 2024. Befunde zu beruflicher Zufriedenheit, Führungsweisen und zum Umgang mit Diversität. In. Pädagogische Hochschule FHNW. https://doi.org/https://doi.org/10.26041/fhnw-12284 

 

 

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