Geschlecht im Sportunterricht: Ein explorativer Vergleich zwischen der Schweiz und Südkorea (und eventuell den USA)

Promovend: Raphael Willi
Keywords: Sportunterricht, Geschlecht, Ländervergleich, Narrative Inquiry, Dokumentarische Methode
Gutachtende: Prof. Dr. Roland Messmer, Prof. Dr. Uwe Pühse
Laufzeit: FS 2020 - FS 2024

1. Theoretische Verankerung

Die sportdidaktische Behandlung von Geschlecht ist stark mit der Koedukationsdebatte verbunden (Giess-Stüber, 2001, 2009, 2012; Kugelmann, Röger, & Weigelt, 2006; Sobiech, 2010). Zusammengefasst werden in dieser Debatte zwei Ansatzpunkte vertreten: Nach Alfermann (1992) sind die optimale Entfaltung und die Leistungsförderung Argumente der Gegner des koedukativen Sportunterrichts, während geschlechtergemischte Interaktionen, Auflösung von Geschlechtergrenzen und die Realisation sozialer Ziele Argumente der Befürworter des koedukativen Sportunterrichts darstellen. Zudem orientieren sich letztere eher am Begriff Gender, während für die Gegner der Begriff Sex als relevant erachtet wird (Alfermann, 1992; Gramespacher, 2011). Diese Unterscheidung von Gender und Sex wurde von West und Zimmermann systematisch vorgenommen. Sie bezeichnen Gender als ein soziales Konstrukt und Sex als eine Erfüllung gewisser biologischer Kriterien (West & Zimmermann, 1991). Während zum einen unbestritten divergente biologische Leistungsvoraussetzungen zwischen den Geschlechtern existieren (Rossetto, 2005), werden zum anderen Differenzen zwischen den Geschlechtern als kulturell produziert und reproduziert verstanden: 

"Für die Analyse von Geschlechterdifferenzierungen in Schule und Sportunterricht werden in Anlehnung an sozialkonstruktivistische Theorieansätze empirisch konstatierte Unterschiede nicht als Ausdruck einer 'Geschlechtsnatur', sondern als Ausdruck jenes kulturellen Systems gedeutet, das sich Individuen aneignen müssen, um sozial handlungsfähig zu bleiben" (Gieß-Stüber & Sobiech, 2017, S. 271-272).

Dieses für den Sportunterricht relevante, sozialkonstruktivistische Verständnis führt zu den folgenden Forschungsfragen.


2. Forschungsfragen

2.1. Inwiefern unterscheiden sich die Erfahrungen der am Sport-Unterricht beteiligten Personen hinsichtlich Mädchen-, Jungen- und Koedukations-Klassen der gymnasialen Oberstufe?

2.2. Inwiefern kontrastieren sich diese Erfahrungen zwischen der Schweiz und Südkorea (und evtl. den USA)?


3. Materialgrundlage

Das qualitative Forschungsprojekt nimmt sich Erzählungen als Materialgrundlage zu Hilfe, welche mittels Interviews zusammengetragen und anhand Gesprächsnotizen sowie Beobachtungen ergänzt werden. Dabei wird ein tiefer und verständnisbringender Einblick in die Thematik angezielt. Anhand von Purposive Sampling (Ritchie, Lewis, & El am, 2003) sollen in der Schweiz und in Südkorea (und eventuell in den USA) mit je 24 Probanden, verteilt in jeweils 9 Gruppen, gearbeitet werden. Die erhobenen Stories dieser 24 Personen werden in einem nationalen wie auch internationalen Kontext verglichen und interpretiert.


4. Methodischer Zugang (Datenerhebung und -auswertung)

Ein methodologischer Zugang, welcher sich Erzählungen zu Hilfe nimmt, kann bei Narrative Inquiry (NI) gefunden werden. In Anlehnung an Clandinin und Connelly (2000) werden anhand von NI die durch die Individuen erzählten Geschichten von Erfahrungen systematisch gesammelt, analysiert und repräsentiert. Auch die Relation zwischen individuellen Erfahrungen und kulturellem Kontext wird bei diesem methodologischen Zugang in Betracht gezogen. Zudem wird anerkannt, dass das Wissen durch die Beziehung zwischen Forschenden und Erforschten – wobei beide Parteien während des Forschungsprozesses lernen und sich verändern – generiert wird (Pinnegar & Daynes, 2007). Dieses konstruktivistische Verständnis kann auch hinsichtlich der Erforschung des Sportunterricht Verwendung finden. Nach Craig, You und Oh (2012) ist NI ein geeigneter und produktiver Forschungsansatz für die Untersuchung von in situ Erfahrungen von (Sport-)Lehrpersonen. Denn die Autoren listen und erörtern diverse Charakteristiken auf, welche es ihnen erlaubten, den Sportunterricht durch Fallvergleiche näher zu untersuchen. In diesem Zusammenhang sprechen Craig et al. (2012), unter anderem, von "research in the midst", "knowing through relationship" und "following where the story leads" (S. 271). Diese Qualitäten können ebenfalls in diesem komparativen Forschungsprojekt herangezogen werden.

Gemäss Rademacher (2013) kann ein Kulturvergleich als eine Spezialform des Fallvergleichs verstanden werden. Denn dem "Kulturvergleich und der Fallkontrastierung liegen die gleichen methodischen Operationen und methodologischen Annahmen zugrunde. Der Kulturvergleich stellt eine spezifische Form der Fallkontrastierung dar; er ist ein Fallvergleich auf Länderebene" (Rademacher, 2013, S. 65). Das Vergleichen darf sich aber nicht bloss auf eine reine Deskription der verschiedenen Kulturen beziehen, da man sonst die Andersartigkeit und nicht die Differenz bestimmt (Rademacher, 2013). Denn ein "Vergleich als Bestimmung der Verschiedenheit zweier Gegenstände [...] kann nur auf der Basis eines ihnen gemeinsamen Dritten erfolgen" (Rademacher, 2013, S. 68). 

Während die Datenerhebung mittels NI realisiert wird, soll die Datenauswertung anhand der Dokumentarischen Methode (DM) nach Bohnsack (2003) durchgeführt werden. Bei dieser Methode unterscheidet man zwischen immanentem und dokumentarischem Sinngehalt. Sehr reduziert kann festgehalten werden, dass sich ersteres auf das Was und letzteres auf das Wie bezieht. Darüber hinaus werden vier Analyseschritte angewendet: 1. formulierende Interpretation, 2. reflektierende Interpretation, 3. Diskurs- und Fallbeschreibung, 4. Typenbildung. Abschliessend kann hervorgehoben werden, dass sich die DM als Auswertungsmethode gut für komparative Studiendesigns eignet (Nohl, 2017, Kap. 3.2).


5. Gewinn der Arbeit

Mit diesem Forschungsprojekt wird ein tiefer und verständnisbringender Einblick in die Thematik geschaffen. Ebenfalls sollen Differenzen und Gleichheiten zwischen Lehrperson und SchülerIn, und zwischen der Schweiz und Südkorea (und evtl. den USA) aufgezeigt werden. Darüber hinaus zielt dieses Forschungsprojekt auf eine Ableitung sportdidaktischer und -pädagogischer Erkenntnisse ab.

6. Literatur

Alfermann, D. (1992). Koedukation im Sportunterricht. Sportwissenschaft 22 (3), 323-343.

Bohnsack, R. (2003). Rekonstruktive Sozialforschung (5. Aufl.). Opladen: Leske & Budrich.

Clandinin, D. J. & Connelly, F. M. (2000). Narrative Inquiry: Experience and story in qualitative research. San Francisco: Jossey Bass Publishers.

Craig, Ch. J., You, J. & Oh, S. (2012). Why school-based narrative inquiry in physical education research? An international perspective. Asia Pacific Journal of Education, 32:3, 271-284.

Gieß-Stüber, P. (2001). Koedukation. In Haag, H. & Hummel, A. (Hrsg.), Handbuch Sportpädagogik (S. 307-313). Schorndorf: Hofmann Verlag.

Gieß-Stüber, P. (2009). Frauen- und Geschlechterforschung im Sport. Forschungsfelder, Entwicklungen und Perspektiven. In Penkwitt, M. (Hrsg.), Geschlechter – Bewegungen – Sport (S. 33-44). Leverkusen-Opladen: Budrich UniPress Ltd.

Gieß-Stüber, P. (2012). Geschlechterforschung und Sportdidaktik. In Kampshoff, M. & Wiepcke, C. (Hrsg.), Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik (S. 273-286). Wiesbaden: VS Springer.

Gieß-Stüber, P. & Sobiech, G. (2017). Zur Persistenz geschlechtsbezogener Differenzsetzungen im Sportunterricht. In Sobiech, G. & Günter, S. (Hrsg.), Sport & Gender – (inter)nationale sportsoziologische Geschlechterforschung (S. 265-280). Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Gramespacher, E. (2011). Schulsport genderkompetent gestalten. In Krüger, D. (Hrsg.), Genderkompetenz und Schulwelten, Alte Ungleichheiten – neue Hemmnisse (S. 166-167). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 

Kugelmann, C., Röger, U. & Weigelt, Y. (2006). Zur Koedukationsdebatte: Gemeinsames oder getrenntes Sporttreiben von Jungen und Mädchen. In Hartmann-Tews, I. & Rulofs, B. (Hrsg.), Handbuch Sport und Geschlecht (S. 260–274). Schorndorf: Hofmann Verlag.

Nohl, A.-M. (2017). Interview und Dokumentarische Methode, Anleitungen für die Forschungspraxis (5. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.

Pinnegar, S. & Daynes, J. G. (2007). Chapter 1, Locating Narrative Inquiry Historically: Thematics in the Turn to Narrative. In Clandinin, D. J. (Hrsg.), Handbook of Narrative Inquiry, Mapping a Methodology (S. 3-34). London: SAGE Publications. 

Ritchie, J., Lewis, J. & El am, G. (2003). Designing and Selecting Samples. In Ritchie, J. & Lewis, J. (Hrsg.), Qualitative Research Practice, A Guide for Social Science Students and Researchers (S. 77-108). London: SAGE Publications.

Rossetto, M. (2005). Sport und Geschlecht. Fit for Life, 7/8, 56-58.

Sobiech, G. (2010). Gender als Schlüsselqualifikation von (Sport-)Lehrkräften. In Fessler, N., Hummel, A. & Stibbe, G. (Hrsg.), Handbuch Schulsport (S. 541-553). Schorndorf: Hofmann Verlag.

West, C. & Zimmerman, D. H. (1991). Doing Gender. In Lorber, J. & Farrell, S. A. (Hrsg.), The Social Construction of Gender (S. 13–37). NewburyPark: SAGE Publications.