Erfahrungen von Nachkommen, deren Eltern von Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in der Schweiz vor 1981 betroffen waren. Eine qualitative Studie.

Promovendin: Nadine Gautschi
Keywords: Fürsorgerische Zwangsmassnahmen; 2. Generation; Grounded Theory
Gutachtende: Prof. Dr. Max M. Bergman; Prof. Dr. Regula J. Leemann
Laufzeit: HS2019 - FS2022

Abstract
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1981 ermöglichten in der Schweiz kantonale Gesetze und Bestimmungen des Zivilgesetzbuchs behördliche Anstaltseinweisungen, und gewährten Verwaltungsorganen, etwa Vormundschaftsbehörden, grosse Interpretations- und Handlungsspielräume in deren Anwendung (Ammann & Schwendener, 2019, S. 8; Bühler et al., 2019). Dazu zählen Einweisungen von Jugendlichen oder Erwachsenen in «Zwangsarbeitsanstalten», «(Nach)-Erziehungsheime», «Jugendheime», «Psychiatrien», «Strafanstalten» oder andere, meist geschlossene Institutionen (Ammann & Schwendener, 2019, S. 9). Darunter fällt auch die Unterbringung von Kindern ausserhalb ihrer Familien in Heimen oder Anstalten, sowie bei Kost- und Pflegefamilien, und in gewerblichen oder landwirtschaftlichen Betrieben. Es kam darüber hinaus zu erzwungenen Adoptionen, Schwangerschaftsabbrüchen, Sterilisationen und Medikationen. Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung zeigen, dass Betroffene sogenannter fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in der Schweiz vor 1981 (FSZM) diese sehr oft als traumatisierend und folgenreich für ihr weiteres Leben erlebten (Ammann & Schwendener, 2019; Mazza Muschietti, 2016). Berichtet wurde u.a. von teilweise massiver physischer und sexueller Gewalt, Lieblosigkeit, zermürbender körperlicher Arbeit, Vorenthaltung beruflicher Ausbildungen, und gesundheitlichen Einschränkungen auf körperlicher und psychischer Ebene als Folgeerscheinungen der erfahrenen Massnahmen.

Vor diesem Hintergrund interessiert sich die Dissertation dafür, wie sich die elterliche Geschichte bezüglich FSZM in den Biographien der Nachkommen zeigt. Im Zentrum des Interesses stehen die subjektiven Deutungen der Nachkommen dazu, wie sich die elterliche Vergangenheit auf ihr eigenes Leben auswirkte.

Die Dissertation stützt sich methodisch auf Ansätze der Biographieforschung. Die «Biographie» wird als soziales Konstrukt verstanden, das individuelle Muster und Strukturen der Verarbeitung von Erfahrungen in sozialen Kontexten hervorbringt, und dabei immer auch auf soziale Bedingungen und Diskurse verweist (Dausien, Lutz, Rosenthal & Völter, 2009). Biographische Ansätze eignen sich um zu untersuchen, wie Individuen bedeutsame Erlebnisse im Kontext ihrer Lebensgeschichte bewältigen, und um soziale Phänomene in ihrer Entstehung, Reproduktion und Veränderung zu rekonstruieren (Dausien et al., 2009). Für das Forschungsprojekt werden deutschsprachige Erwachsene gesucht, deren Eltern vor Erreichung der Volljährigkeit betroffen waren von FSZM. Zur Datenerhebung werden biographisch-narrative Interviews geführt, bei denen nach der ganzen Lebensgeschichte gefragt wird (Rosenthal, 2015). Anhand der Interviews werden ausgewählte Phänomene und Themen identifiziert, die in der weiteren Analyse vertieft untersucht werden. Die Datenanalyse erfolgt mittels des rekonstruktiven Verfahrens der Grounded Theory (Strauss & Corbin, 1996).

Die Auswirkungen FSZM auf die nachfolgenden Generationen wurden bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Die Dissertation knüpft an dieses Forschungsdesiderat an, und leistet einen wissenschaftlichen Beitrag dazu zu verstehen, wie sich elterliche Erfahrungen bezüglich angeordneter Platzierungen auf deren Nachkommen auswirken.

Das Forschungsprojekt, im Rahmen dessen ich meine Dissertation verfasse, ist eines von 27 derzeit laufenden Forschungsprojekten des NFP 76 „Fürsorge und Zwang“. Eine Projektbeschreibung findet sich hier: http://www.nfp76.ch/de/projekte/massnahmen-und-lebenswege/projekt-abraham

Literatur
Ammann, R. & Schwendener, A. (2019). "Zwangslagenleben" Biographien von ehemals administrativ versorgten Menschen. Zürich: Chronos.

Bühler, R., Galle, S., Grossman, F., Lavoyer, M., Mülli, M., Neuhaus, E. et al. (2019). Ordnung, Moral und Zwang. Administrative Versorgungen und Behördenpraxis. Zürich: Chronos.

Dausien, B., Lutz, H., Rosenthal, G. & Völter, B. (2005). Einleitung. In B. Völter, B. Dausien, H. Lutz & G. Rosenthal (Hrsg.), Biographieforschung im Diskurs (S. 7-20). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Mazza Muschietti, E. (2016). Lebensbewältigung nach Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Eine vergleichende Analyse ausgewählter Autobiographien von Betroffenen im Lichte der Resilienzforschung. Cahier de l’IDHEAP 293/2016. Lausanne: Universität Lausanne.

Rosenthal, G. (2015). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung (Grundlagentexte Soziologie, 5., aktualisierte und ergänzte Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.

Strauss, A. L. & Corbin, J. M. (1996). Grounded theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz, PsychologieVerlagsUnion. Verfügbar unter www.ub.unibas.ch/tox/HBZ/HT006841122/PDF