Linguistische Untersuchung von Schreibbursts

Promovierende: Stefanie Wyss, stefanie.wyss@unibas.ch
Keywords: Schreibprozess, Schreibbursts, Schreibdidaktik, linguistische Einheiten
Gutachtende
: Prof. Dr. Afra Sturm, Prof. Dr. Martin Luginbühl
Laufzeit
: 01. Februar 2016 bis 31. Januar 2019

Das Dissertationsprojekt ist in die vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Interventionsstudie BASCH – «Basale Schreibkompetenzen fördern» (Laufzeit: Juni 2015 bis Mai 2018) eingebettet. Für dieses kann auf unterschiedliche Daten und Auswertungen zugegriffen werden, die in BASCH generiert werden. Der Fokus der Dissertation liegt dabei auf den dort entstandenen narrativen Texten.

Der Schreibprozess lässt sich in die Phasen «Schreiben» und «Nicht-Schreiben» unterteilen. Die im Projekt BASCH mit Smartpens erhobenen Schreibprozessdaten werden bezüglich Häufigkeit und Umfang von Bursts ausgewertet (Olinghouse & Wilson, 2013). Unter einem Burst wird die Schreibaktivität zwischen zwei Pausen verstanden, wobei in der Forschung eine Schreibpause von mindestens zwei Sekunden vorgeschlagen wird (Chenoweth & Hayes, 2001). Die Untersuchung von Bursts ist für die Schreibforschung u.a. deshalb von grossem Interesse, weil Studien aufzeigen, dass gute Schreibende nicht nur längere Bursts verfassen, sondern die Burstlänge auch mit der Textqualität korreliert (Alves et al. 2015, Chenoweth & Hayes 2001, Kaufer et al. 1986). Mit den zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten können zwar die Anzahl Bursts pro Text berechnet werden, aber der linguistische Inhalt der einzelnen Bursts bleibt unbekannt.

Hier setzt das vorliegende Dissertationsprojekt an: Mithilfe eines mehrstufigen Verfahrens und eines Codierleitfadens sollen die linguistischen Einheiten der Bursts analysiert werden. So ist beispielsweise zu erwarten, dass eine Nominalphrase in einem Zug geschrieben wird. Grund für diese Annahme ist, dass beispielsweise Idiome wie «das Eis brechen» schneller artikuliert bzw. produziert und verstanden werden als nichtidiomatische Verbindungen (Swinney & Cutler 1979). Es gibt lediglich zwei Studien, in denen eine linguistische Untersuchung der Schreibbursts vorgenommen wurde. Kaufer et al. (1986) analysierten bei einer ihrer Studie, wie grammatikalische Strukturen mit dem Pausenverhalten zusammenhängen. Olive & Cislaru (2015) werteten die Bursts von Sozialarbeiter*innen aus, um vorauszusagen, ob Bursts und «RS» («repeated segments») übereinstimmen. Bei den zwei beschriebenen Studien wurden Erwachsene beobachtet; für SuS fehlt eine linguistische Untersuchung ihrer Schreibbursts. Zudem wurde in den Studien auch kein Fokus auf L1 bzw. L2 gelegt und die untersuchte Sprache war Englisch bzw. Französisch; die Erkenntnisse können also nicht direkt auf die deutsche Sprache übertragen werden.

Im Dissertationsprojekt sollen die folgenden Fragen beantwortet werden:

  • Können die Bursts von SuS der Klasse 4 mittels eines Codierleitfadens linguistisch untersucht werden?

  • Wenn 1. zutrifft, wie sind die einzelnen Bursts beschaffen?

  • Wie viele gesättigten und ungesättigten Strukturen sind in den Bursts der Texte enthalten?

  • Wie sind die gesättigten Strukturen (z.B. bezogen auf Phrasen oder Sätze) beschaffen? 

  • Gibt es Gruppenunterschiede? (L1 vs. L2)

  • Ändert sich der Sättigungsgrad, wenn der Zwei-Sekunden-Threshold verändert wird?

  • Korreliert der Sättigungsgrad mit der Textqualität? 

Schüler*innen (n=283) der Klasse 4 haben im Rahmen des Projekts BASCH u.a. narrative Texte mit einem Smartpen verfasst. Die Bursts der abgetippten und in HandSpy ausgewerteten Texte des erstens Erhebungszeitpunktes werden mit einem Codierleitfaden codiert; jeder Burst wird einer Kategorie zugewiesen. Die Detailcodierung (Zuweisung der Burst in Phrase, Satz o.ä.) wird für die gesättigten Bursts vorgenommen. Für 30 Texte wird der Pausen-Threshold auf drei, vier, fünf und sechs Sekunden verändert, um zu überprüfen, ob und wie sich der Sättigungsgrad der Bursts verändert. Zuletzt wird geschaut, ob der Sättigungsgrad mit der Textqualität, die mittels eines fokussiert holistischen Ratings überprüft wurde, korreliert.


Literatur

Alves, R. A., & Limpo, T. (2015). Progress in written language bursts, pauses, transcription, and written composition across schooling. Scientific Studies of Reading, 19, 374–391.

Chenoweth, N. A. & Hayes, J. R. (2001). Fluency in Writing: Generating Text in L1 and L2. Written Communication, 18 (1), 80–98.

Kaufer, D. S., Hayes, J. R., & Flower, L. (1986). Composing written sentences. Research in the Teaching of English, 20, 121–140.

Olinghouse, N.G. & Wilson, J. (2013). The relationship between vocabulary and writing quality in three genres. Reading and Writing, 26 (1), 45–65.

Olive, T. & Cislaru, G. (2015). Linguistic forms at the process-product interface: Analysing the linguistic content of bursts of production. In: Cislaru, Georgeta, ed. Writing(s) at the Crossroads: The Process Product Interface. Amsterdam, NLD: John Benjamins Publishing Company.

Swinney, David A. & Cutler, Anne (1979). The Access and Processing of Idiomatic Expressions. Journal of verbal Learning and Verbal Behaviour, 18, 523-534.