Entstehung, Konstituierung und Praxis von Schulpsychologischen Diensten in der Schweiz

Promovierende: Nadja Wenger, nadja.wenger@fhnw.ch
Keywords: Schulpsychologie, Diagnostik, Psychopathologie, Gutachten, Therapie
Gutachtende:
Prof. Dr. Patrick Bühler, Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof. Dr. Béatrice Ziegler
Laufzeit:
HS 2015 - HS 2019

Ende des 19. Jahrhunderts lassen sich eine sogenannte Therapeutisierung der Bevölkerung und neue «Steuerungsformen des Sozialen» (Wilhelm 2005) beobachten: Soziale Dienste und die Armenpflege werden in diesem Kontext professionalisiert und ausgebaut (Matter 2011; Ramsauer 2000), unterschiedliche Beratungsstellen wie Berufsberatungen, Ehe- und Sexualberatungsstellen entstehen (Bachem 2013). «Die gemeinnützige Erziehungsberatungsstelle fügt sich als weiteres Glied in die Kette der sozialen, hygienischen und pädagogischen Einrichtungen, die das Leben der Heranwachsenden helfend, schützend und fördernd umgeben» (Freudenberg 1928). Das Dissertationsprojekt untersucht die bisher kaum erforschte Errichtung und Konstituierung von Erziehungsberatungsstellen/schulpsychologischen Diensten in der Schweiz. Dabei sind folgende Fragen untersuchungsleitend: In welchen Kontexten entstehen schulnahe Beratungsdienste, wie konstituieren sie sich, welche Aufgaben übernehmen sie und welche Debatten lösen sie in pädagogischen Fachkreisen aus? Welche Kinder werden warum und wie behandelt? Verändern sich Diagnosen/Befunde der Klientel im Laufe der Zeit? Welche Aufgaben werden den Erziehungsberatungen bzw. den schulpsychologischen Diensten in Zeitschriftenartikeln und in Lexika überhaupt zugewiesen? Wie wird die eigene Geschichte geschrieben, welche Vorbilder lassen sich eruieren? Prioritär werden die ersten Beratungsdienste in der deutschsprachigen Schweiz untersucht: die Erziehungsberatung des Kantons Bern (1920), des Kantons Baselstadt (1927) und der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen (1939). Das Projekt untersucht Institutionen, Wissen und Akteure. So werden in einem ersten Schritt die relevanten professionellen, ‹schulhygienisch-medizinischen› und ‹heilpädagogischen› Schweizer Periodika, alle zeitgenössischen pädagogischen Lexika, weitere Periodika und sämtliche auf Deutsch publizierten Monographien zum Thema ‹Erziehungsberatung/Schulpsychologie› ausgewertet. Dabei wird diskursanalytisch nach der Häufigkeit, der Art, dem Inhalt und dem jeweiligen Kontext von ‹schulpsychologischen› Aussagen gefragt. So werden die gestellten Diagnosen, das beschriebene pathologische Verhalten, die festgestellten Symptome, die geschilderten medizinischen und pädagogischen Praktiken und die eingesetzten psychometrischen und diagnostischen Verfahren analysiert. Weiter werden Beruf, Ausbildung und Geschlecht der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen verzeichnet sowie Schulstufe, Schultyp und involvierte Institutionen (psychiatrische Klinik, Heim, Erziehungsberatung etc.) erhoben. In die Analyse einbezogen wird, wie die historische Entwicklung der eigenen Institution, welchen narrativen Mustern die Fallgeschichten folgen, welches Alter und Geschlecht die beschriebenen Kinder und Jugendliche haben, welcher Schicht sie angehören und welchen Schultyp sie besuchen. In einem zweiten Schritt werden wichtige Akteure fokussiert (Bärbel Inhelder, Ernst Probst, Heinrich Hanselmann) und, falls vorhanden, deren Nachlässe ausgewertet. In einem dritten Schritt stehen dann die Institutionen selbst im Mittelpunkt. Es werden die Erziehungsberatung Bern (1920), Zürich (1924), Basel (1927), die Erziehungs- und Jugendberatungsstunden, die das Institut für Heilpädagogik in Luzern ab 1932 anbot, und der Schulpsychologische Dienst St. Gallen (1939) untersucht. Folgende Fragestellungen stehen dabei im Zentrum des Interesses: Wie und warum entstanden Schulpsychologie/Erziehungsberatung, welche Aufgaben wurden ihnen zugewiesen, welche Ausbildung hatten die Mitarbeitenden, welche Debatten begleiteten ihre Entwicklung etc.? Es werden daher neben den Tätigkeitsberichten, Jahresberichten etc. auch die Schulblätter der jeweiligen Kantone ausgewertet. Zum anderen untersucht das Projekt das psychopathologische Wissen der neuen Institutionen. Neben Fallzahlen, Tätigkeitsberichten etc. sind dafür vor allem die Gutachten eine besonders aufschlussreiche Quelle. Das Dissertationsprojekt ist Teil des Forschungsvorhaben der Professur für Allgemeine und Historische Pädagogik der Pädagogischen Hochschule FHNW (Arbeitstitel: «Wer ist normal?» Pädagogik und Psychopathologie 1890–1940). Mitarbeitende sind: Prof. Dr. Patrick Bühler, Inhaber der Professur für Allgemeine und Historische Pädagogik (Leiter des Projekts) und Dr. Michèle Hofmann (wissenschaftliche Mitarbeiterin).

Literatur
Bachem, Malte (2013): Beruf und Persönlichkeit. Zuordnungsroutinen der Berufsberatung in der Schweiz um 1920. In: Geschichte und Gesellschaft 1. S. 69-85.

Freudenberg, Sophie (1928): Erziehungs- und heilpädagogische Beratungsstellen. Leipzig: S. Hirzel.

Laube, Frieda (1953): Wesen und Aufgaben der Erziehungsberatung. Solothurn: Antonius.

Matter, Sonja (2011): Der Armut auf den Leib rücken die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Schweiz (1900-1960). Zürich: Chronos.

Nissen, Gerhardt (2005): Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Klett-Cotta.

Ramsauer, Nadja (2000):„Verwahrlost“: Kindswegnahmen und die Entstehung der Jugendfürsorge im schweizerischen Sozialstaat, 1900-1945. Zürich: Chronos.

Wilhelm, Elena (2005): Rationalisierung der Jugendfürsorge: die Herausbildung neuer Steuerungsformen des Sozialen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bern: Haupt.

Wolfisberg, Carlo (2002): Heilpädagogik und Eugenik: zur Geschichte der Heilpädagogik in der deutschsprachigen Schweiz (1800-1950). Zürich: Chronos.