Leistungslogiken in ‚inklusiven’ und ‚exklusiven’ Schulformen – Differenzherstellung und -bearbeitung in der schulischen Praxis

Promovierender: Benjamin Wagener, benjamin.wagener@fhnw.ch
Keywords: Inklusion, Leistung, Differenz, Praxeologische Wissenssoziologie, Dokumentarische Methode
Gutachtende: Prof. Dr. Tanja Sturm; Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof. Dr. Ralf Bohnsack
Laufzeit: FS 2016-FS 2019

Inklusion stellt aktuell ein zentrales Thema im bildungswissenschaftlichen Diskurs dar. Damit wird das normative Ziel verbunden, Marginalisierung und Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern in Bezug auf Lern- und Bildungsgelegenheiten zu überwinden (Ainscow 2008). Mit Inkrafttreten des Sonderpädagogik-Konkordats im Jahr 2011 ist die Idee der schulischen Inklusion zu einem expliziten Bestandteil der Bildungsreform in der Schweiz avanciert und mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2014 bekräftigt worden. Gleichzeitig stellt die Umsetzung dieses Vorhabens die noch weitestgehend unerforschte inklusive Praxis der Sekundarstufe I (Preuss-Lausitz 2014) vor besondere Herausforderungen, u.a. aufgrund ihrer fachunterrichtlichen Ausrichtung und des dort geltenden Leistungs- und Selektionsprinzips (Werning/Arndt 2015).

Das in der SNF-Studie „Herstellung und Bearbeitung von Differenz im Fachunterricht der Sekundarstufe I – eine Vergleichsstudie zu Unterrichtsmilieus in inklusiven und exklusiven Schulformen“ (Sturm/Wagner-Willi 2014) angesiedelte Dissertationsprojekt knüpft an dieses Desiderat an. Es fragt danach, wie Leistung im jeweiligen Fachunterricht der Sekundarstufe I in ‚inklusiven‘ – und dazu vergleichend – ‚exklusiven‘ Schulformen von den Akteurinnen und Akteuren sozial hergestellt und bewertet wird und wie dabei Differenzen zwischen den Schülerinnen und Schülern in der Unterrichtspraxis hervorgebracht und bearbeitet werden.

Schulleistung wird somit nicht als etwas objektiv Ermittelbares, sondern als ein soziales Konstrukt definiert, das erst im Beurteilungsprozess entsteht (Luhmann 2002). Übersetzt in die Sozial- und Handlungstheorie der Praxeologischen Wissenssoziologie (Bohnsack 2010) mit ihrer Leitdifferenz von implizitem bzw. handlungsleitendem und explizitem Wissen stellt das Prinzip der Leistungsbeurteilung eine explizite Regel der Organisation Schule dar. Diese Regel wird handlungspraktisch durch die Organisationsmitglieder (Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler) bearbeitet. Diese gehören wiederum verschiedenen gesellschaftlichen Milieus an, z.B. gender-, bildungs- und migrationsspezifische Milieus, die in die Organisation hineinwirken und in Auseinandersetzung sowohl miteinander als auch mit den organisationalen Regeln und Normen stehen (ebd.; Nohl 2007). Bilden sich im Rahmen eines solchen mehrdimensionalen Interaktionsverhältnisses innerhalb der Unterrichtspraxis gemeinsam geteilte ‚Leistungslogiken’ – d.h. kollektive Praxen der Bearbeitung der Leistungsregel – unter den Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern heraus, handelt es sich um ein „Unterrichtsmilieu“ (Wagner-Willi/Sturm 2012).

Der methodische Zugang zu den interessierenden Leistungslogiken und den damit verbundenen Praxen der Differenzherstellung und -bearbeitung erfolgt anhand der im Rahmen des SNF-Projekts erhobenen Unterrichtsvideografien, die mithilfe der Methode der Dokumentarischen Videointerpretation (Bohnsack et al. 2015) ausgewertet werden. Nach dem Prinzip des kontrastiven Fallvergleichs (Bohnsack 2010) werden hinsichtlich der beiden Vergleichsdimensionen Schulform und Fachunterricht der Mathematik-, Deutsch- und Kunstunterricht in formal inklusiven Schulklassen (integrative Schulklassen der Sekundarstufe I) und formal exklusiven gymnasialen Schulklassen (ohne inklusiven Anspruch) im Raum Nordwestschweiz kontrastiert.

Vor dem Hintergrund des mehrdimensionalen Forschungsdesigns verspricht das Vorhaben, tiefergehende Erkenntnisse über die komplexen Strukturen schulischer Unterrichtspraxis und der darin wirksamen Leistungslogiken zu gewinnen. Damit wird der bereits früh proklamierten (Furck 1964, S. 20) und jüngst wiederholten (u.a. Rabenstein et al. 2013) Forderung Rechnung getragen, Schulleistung – sowie damit einhergehende Bewertungs- und Differenzherstellungsprozesse – in der Erziehungswirklichkeit selbst, d.h. in der (impliziten) unterrichtlichen Praxis, zu erforschen.

Literatur
Ainscow, M. (2008): Teaching for Diversity. The Next Big Challenge. In: F. M. Connelly/M. F. He/J. A. Phillion (Hrsg.), The Sage Handbook of Curriculum and Instruction. Los Angeles: Sage, S. 240–258.

Bohnsack, R. (2010): Rekonstruktive Sozialforschung. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich.

Bohnsack, R./Fritzsche, B./Wagner-Willi, M. (Hrsg.) (2015): Dokumentarische Video- und Filminterpretation. Methodologie und Forschungspraxis. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich.

Furck, C.-L. (1961/1964): Das pädagogische Problem der Leistung in der Schule. Weinheim: Beltz.

Luhmann, N. (2002): Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.            

Nohl, A.-M. (2007): Kulturelle Vielfalt als Herausforderung für pädagogische Organisationen. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 10(1), S. 61-74.

Preuss-Lausitz, U. (2014): Wissenschaftliche Begleitungen der Wege zur inklusiven Schulentwicklung in den Bundesländern. Versuch einer Übersicht. www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bildung/Wiss__Begleitung_Inklusion_end__2_.pdf (22.3.2015)

Rabenstein, K./Reh, S./Ricken, N./Idel, S.-T. (2013): Ethnographie pädagogischer Differenzordnungen. Methodologische Probleme einer ethnographischen Erforschung der sozialen Selektivität. In: Zeitschrift für Pädagogik, 59(3), S. 668-689.

Sturm, T. & Wagner-Willi, M. (2014). Herstellung und Bearbeitung von Differenz im Fachunterricht der Sekundarstufe I – eine Vergleichsstudie zu Unterrichtsmilieus in inklusiven und exklusiven Schulformen. p3.snf.ch/project-152751 (26.8.2015)

Wagner-Willi, M./Sturm, T. (2012): Inklusion und Milieus in schulischen Organisationen. In: Inklusion online. www.inklusion-online.net/index.php/inklusion/article/view/185/173 (1.4.2015)


Benjamin Wagener