Im Museum. Strukturen des Denkens und Aneignens bei Besuchenden einer historischen Ausstellung

Promovierende: Julia Thyroff, julia.thyroff@fhnw.ch
Keywords: Museumsbesuchende, lautes Denken, historisches Denken, Aneignung, Konstruktionsprozesse
Gutachtende: Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof. Dr. Béatrice Ziegler
Laufzeit: HS 2013 - HS 2017

Thematische Einordnung und theoretische Verankerung
Für eine Geschichtsdidaktik, die das weite Feld individuellen und gesellschaftlichen Umgangs mit Historischem zum Gegenstand erklärt (stellvertretend: Rüsen 1994, Schönemann 2002), geraten auch Museumsbesuchende in den Fokus der Aufmerksamkeit. Gerade Theorien historischen Denkens beziehen sich, sofern schulunterrichtsübergreifend gedacht (z. B. Körber et al. 2007, Körber 2009), auch auf Denkprozesse beim Museumsbesuch und sollten potenziell als Instrumente zu deren Modellierung fungieren können.

Diese Prämisse bildet den theoretischen Ursprung des Projekts. Es interessiert sich für Prozesse des Denkens und historischen Denkens beim Museumsbesuch, wählt dabei aber gleichwohl einen materialbasierten Zugang, indem es zunächst ganz allgemein nach Strukturelementen und Aneignungsweisen von Besuchenden einer historischen Ausstellung fragt und deren Eigenlogik zu erhellen versucht, um die Befunde dann in einem späteren Schritt wieder an vorhandene Theorien rückzubinden.

Zugrunde liegt dem eine konstruktivistische Vorstellung der beim Museumsbesuch ablaufenden Prozesse, die frühere instruktionale Zugänge ablöst und Besuchende nicht als passive Empfänger/innen der von den Museen angebotenen Deutungen, sondern den Museumsbesuch als aktiven Konstruktionsprozess betrachtet (Hooper-Greenhill 2006; Noschka-Roos/Lewalter 2013). Der Begriff des «Aneignens» trägt diesem Verständnis von Museumsbesuchenden als aktive Bedeutungsgeneratoren Rechnung.

Fragestellung
Gefragt wird,

a) wie sich Aneignungsweisen während des Besuchs einer historischen Ausstellung gestalten und welche Elemente und Strukturen des Denkens sich dabei identifizieren lassen.

Dabei ist wiederum ein spezifischer Aspekt von besonderem Interesse: Angeregt von theoretischen Modellierungen historischen Denkens interessiert die Rolle der aktuellen Gegenwart und Lebenswelt als potenzieller Ausgangs-, Ziel- oder Referenzpunkt, als Motor des Denkens beim Museumsbesuch. (Rüsen 1983, Hasberg/Körber 2003, Körber et al. 2007). Es wird also weiter gefragt,

b) inwiefern Besuchende beim Museumsbesuch explizit ihre eigene Person und Zeit einbringen, und schliesslich,

c) inwiefern sich die festgestellten Prozesse mit vorhandenen theoretischen Modellen historischen Denkens in Deckung bringen lassen.

Materialgrundlage
Durchgeführt wurde das Projekt mit 18 erwachsenen Besuchenden der Wanderausstellung «14/18. Die Schweiz und der Grosse Krieg», während deren Station im Museum für Geschichte in Basel. Die Ausstellung bricht mit klischeehaften Vorstellungen von der Schweiz als einer Insel, die in den Wogen des Krieges unbeeinflusst blieb. Stattdessen kommen beispielsweise soziale Spannungen, wirtschaftliche Not, aber auch Profite durch wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den kriegführenden Nachbarländern zur Sprache. Die Studie interessiert sich dafür, worauf Besuchende während des Durchgangs durch diese Ausstellung zu sprechen kommen und insbesondere, inwiefern sie dabei ihre eigene Person und Zeit in die Überlegungen einbringen.

Methoden der Datenerhebung und –auswertung
In der empirischen Forschung geht ein zunehmendes Interesse an Prozessen des Museumsbesuchs derzeit nur bedingt mit adäquaten Erhebungsmethoden einher. Vielfach werden retrospektive Methoden eingesetzt und mittels derer Rückschlüsse auf das vorausgegangene Erleben gezogen. Wichtige Fragen bleiben dabei unbeantwortet, etwa welche Assoziationen in welchen Momenten des Besuchs des Besuchs entstehen, welche Ausstellungselemente es sind, die bestimmte Überlegungen anstossen, etwa eine Rolle in der Konstruktion von Bezügen zur eigenen Person und Gegenwart spielen.

Das beschriebene Projekt trägt diesem Desiderat Rechnung, indem es prozessbegleitendes lautes Denken (stellvertretend: Ericsson/Simon 1984) einsetzt, wobei die Teilnehmer/innen allein die Ausstellung besuchten und aufgefordert waren, alles ihnen dabei in den Sinn Kommende zu äussern. Da Lautes Denken als Erhebungsmethode in der Museumsbesucherforschung bislang noch kaum eingesetzt wurde, fragt das Dissertationsprojekt auch nach der Leistungsfähigkeit der Methode für das neue Anwendungsfeld. Angenommen wird, dass gerade Lautes Denken erlaubt, kognitive Prozessverläufe zu erfassen und dabei einen unmittelbaren Bezug zwischen Äusserungen der Teilnehmenden und der umgebenden räumlichen Struktur der Ausstellung herzustellen (Wise 2011, S. 10 ff.).
Die Datenauswertung fokussiert auf die dabei entstandenen Transkripte lauten Denkens und dient dem Ziel, Strukturelemente des Denkens beim Museumsbesuch zu identifizieren und zu modellieren. Die Auswertung erfolgt zu diesem Zweck mittels inhaltlich strukturierender, qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz 2014) im textcodierenden Verfahren und unter Verwendung eines mehrheitlich induktiv entwickelten und dabei zugleich theoretisch sensiblen Kategorienschemas.

Wichtige Literatur
Ericsson, K. Anders/Simon, Herbert A. (1984): Protocol analysis: verbal reports as data. Cambridge.

Hooper-Greenhill, Eilean (2006): Studying Visitors. In: Macdonald, Sharon (Hrsg.), A Companion to Museum Studies. Malden, MA. S. 362–376

Körber, Andreas et al. (2007) (Hrsg.): Kompetenzen historischen Denkens. Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik. Neuried 2007.

Körber, Andreas (2009): Kompetenzorientiertes historisches Lernen im Museum? Eine Skizze auf der Basis des Kompetenzmodells "Historisches Denken". In: Popp, Susanne/Schönemann, Bernd (Hrsg.): Historische Kompetenzen und Museen. Idstein. S. 62–80.

Noschka-Roos, Annette/Lewalter, Doris (2013): Lernen im Museum – theoretische Perspektiven und empirische Befunde. In: Scheunpflug, Annette/Prenzel, Manfred (Hrsg.): Kulturelle und ästhetische Bildung. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Sonderheft 21. S. 199–215.

Rüsen, Jörn (1983): Historische Vernunft. Göttingen.

Wise, Susie (2011): Visitors encounter the dust: How People think with objects in a history museum exihibtion. A dissertation submitted to the School of Education and the committee on graduate studies of Stanford University. Online publiziert unter: books.google.ch/books (Zugriff am 14.09.2015)

Julia Thyroff