Mündliches Argumentieren in der Politischen Bildung

Promovierende: Janine Sobernheim
Keywords: Politische Bildung, argumentieren, Argumentation, Mündlichkeit, Komplexität
Gutachtende: Prof. Dr. Monika Waldis
Laufzeit: FS 2017 - FS 2020

Thematische Einordnung und theoretische Verankerung
Die Politische Bildung will die Lernenden zur Mündigkeit, zur spezifischen politischen Mündigkeit, erziehen (Gollob et al., 2007, 5). Dabei sollen sich die Lernenden eigenständig mit dem Bereich Politik auseinandersetzen und sich eine eigene Meinung bilden. Die Meinungsbildung zu politischen Belangen als auch die Artikulation ebendieser und die Argumentation sollen bei den Lernenden im Rahmen der Politischen Bildung gefördert werden.

Das Argumentieren in der Politischen Bildung, welches im Rahmen dieser Dissertation untersucht werden soll, findet sich in unterschiedlichen Kompetenzmodellen der Politischen Bildung wieder. Im Kompetenzmodell von Detjen et al. (2012, 81) handelt es sich beim Argumentieren um eine Kompetenzfacette innerhalb der sogenannten Politischen Handlungsfähigkeit. Ziegler et al. (2012) beschreiben das Argumentieren als eine sich über verschiedene Schuljahre hinweg aufbauende Fähigkeit und führen diese als eigene Kompetenz für die Sekundarstufe I auf. Das Argumentieren bzw. die zuvor dazu erlernten Fähigkeiten sind Teil der sogenannten Basiskompetenz „kommunizieren und argumentieren“. In beiden Modellen wird die Fähigkeit zu argumentieren als mündliche Fähigkeit definiert.

Fragestellung
Die Arbeit hat zum Ziel, die folgenden Fragen zu beantworten:

Wie ist das mündliche Argumentieren in die Konzepte und Modelle der Politischen Bildung einzuordnen, im Unterricht zu lehren und durch geeignete Lernarrangements zu fördern?

Die Erarbeitung der Theorie beantwortet folgende Fragen:

  • Wie sind der Begriff und die Fähigkeit des Argumentierens aufgrund der Literatur der Politischen Bildung und der Deutschdidaktik zu definieren?
  • Wie können Argumentationsübungen in der Schule didaktisch inszeniert werden, damit das Argumentieren gelernt und in neuen Situationen angewendet werden kann?
  • Theoretische Grundlage zur empirischen Untersuchung: Wie können Rollenspiele und einzelne Argumentationen[1] strukturiert werden? Was wird unter Komplexität einer Argumentation verstanden? Welche Wissenselemente und welche entsprechenden Fachkonzepte sollten in den ausgewählten Rollenspielen je Thema erarbeitet und ausdifferenziert werden?

Die empirische Untersuchung geht folgender Fragestellung nach:

Wie verlaufen mündliche Argumentationen in Debatten des allgemeinbildenden Unterrichts an der Berufsschule? Wie ist ihre Qualität bezüglich Komplexität und Fachlichkeit?

Dazu werden diese Unterfragen beantwortet:

  • Wie ist die Komplexität von Argumentationen zu beurteilen?
  • Wird in den Argumentationen fachlich argumentiert, d.h. werden eine fachliche Perspektive eingenommen und Fachbegriffe gebraucht und korrekt verwendet?
  • Kann aufgrund von ausgesuchten Diskurseinheiten induktiv ein Modell zu einem Wissenselement erarbeitet werden?

Materialgrundlage
Die Beantwortung der ersten Forschungsfrage bedingt die Erarbeitung der vorhandenen Literatur in der Didaktik der Poltischen Bildung, der Deutschdidaktik sowie weiteren theoretischen Grundlagen. Daraus entsteht eine eigenständige Herleitung und Definition des Begriffs „mündliches Argumentieren“ in der Politischen Bildung.

Die empirische Grundlage für die Beantwortung des zweiten Frageblocks bilden Videoaufnahmen von zehn Rollenspielen à ca. 30 Minuten zu verschiedenen demokratierelevanten Themenbereichen der Politischen Bildung. Je fünf Rollenspiele wurden von November 2014 bis Juni 2015 in regelmässigen Abständen in zwei Berufsschulklassen der Berufsschule BBB (BerufsBildungBaden) durchgeführt und waren in Unterrichtseinheiten à 2-3 Lektionen eingebettet.

Methode für die Datenauswertung
Ausgangspunkt der Analyse werden einzelne Argumentationen dieser Rollenspiele sein, welche bereits transkribiert wurden. Die zu verwendenden Analysen wollen diese bezüglich Verlauf, Struktur, Komplexität und Fachlichkeit untersuchen.

Bezüglich Verlauf und Struktur wird die Gesprächsanalyse nach Przybroski (2004) angewendet. Zur Komplexität findet eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen (z.B. Lötscher & Sperisen(2015)) statt. Auf dieser Grundlage wird ein eigenes Modell erarbeitet, am Material angewendet und angepasst. Zur Fachlichkeit soll ein Modell zu einem Wissenselement entwickelt werden. Dazu wird induktiv nach der qualitativen Inhaltsanalyse bzw. den Mixed Methods nach Kuckartz (2014) vorgegangen.

Literatur
Detjen, Joachim; Massing, Peter; Richter, Dagmar; Weißeno, Georg (2012): Politikkompetenz – ein Modell. Wiesbaden: Springer Verlag.

Gollob, Rolf; Graf-Zumsteg, Christian; Bachmann, Bruno; Gattiker, Susanne; Ziegler, Béatrice (2007): Politik und Demokratie – leben und lernen. Bern: schulverlag blmv AG.

Kuckartz, Udo (2014): Mixed Methods. Methodologie, Forschungsdesigns und Analyseverfahren. Wiesbaden: Springer VS.

Lötscher, Alexander; Sperisen, Vera (2015): „Die Lehrperson ist eigentlich sozusagen unser Chef“ – Enscheidungen im Klassenrat (83-104). In: Mörgen, Rebecca; Rieker, Peter; Schnitzer, Anna (Hrsg.): „Partizipation von Kindern und Jugendlichen in vergleichender Perspektive: Bedingungen – Möglichkeiten – Grenzen“. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Przyborski, Aglaja (2004): Gesprächsanalyse und dokumentarische Methode. Qualitative Auswertung von Gesprächen, Gruppendiskussionen und anderen Diskursen. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Ziegler, Béatrice; Schneider, Claudia; Sperisen, Vera; Zamora, Patrik; Kübler, Roxane (2012): Handreichung Politische Bildung. Für Lehrpersonen und Schulleitungspersonen der Volksschule im Kanton Aargau / im Bildungsraum Nordwestschweiz.


[1] Hier ist mit Argumentation eine komplexe, sprachliche Handlung gemeint, die aus einem oder mehreren Argumenten besteht. Sie ist thematisch in sich abgeschlossen und entspricht einer Passage nach Przyborski (2004, 50).

 

 

 

Janine Sobernheim