Lehrpersonen im Digitalen Wandel. Berufsbezogene Überzeugungen von angehenden Lehrpersonen über Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) in der Schule im Hinblick auf Fachdidaktik und Professionalisierung

Promovierender: Robin Schmidt, robin.schmidt@unibas.ch
Keywords:
Digitaler Wandel, Professionalisierung, Fachdidaktik Gesellschaftswissenschaften, Teachers’ Beliefs, Berufsbezogene Überzeugungen, ICT
Gutachtende
: Prof. Dr. Christian Reintjes, Prof. Dr. Marko Demantowsky, Prof. Dr. Andreas Brenner
Laufzeit:
Herbstsemester 2017 – Frühjahrssemester 2020

Angehende Lehrpersonen stehen zunehmend in der gesellschaftlichen und fachlichen Erwartung, die „Net-Generation“ zu unterrichten und darüber hinaus im Beruf ICT nicht nur sachgemäss einzusetzen, sondern schulisches Lernen und Lehren durch ihre ICT-Praxis selbst zu verändern. Die Professionalisierung von Lehrpersonen ist angesichts solcher Erwartungen vielfältig herausgefordert, beispielsweise im Versuch einer empirischen Fundierung eines technologisch orientierten Kompetenzbereichs im Professionswissen (z.B. TPACK), im Hinblick auf sich verändernde Erwartungen an die Fachdidaktiken oder neuere Lehrpläne und Studiengangskonzepte, die ICT-Bildung als Querschnittsaufgabe verstehen, die nicht über ein einzelnes Fach oder Modul bewältigt werden kann. Angehende Lehrpersonen können als „cusp generation“ (Fluck/Dowden 2013) (Schwellen- oder Wendegeneration) charakterisiert werden, die im Hinblick auf ICT in der Schule hohen Erwartungen ausgesetzt ist und dafür aber über (zu) wenig Ressourcen verfügt.

Forschungsstand
Berufsbezogene Überzeugungen (beliefs) von Lehrpersonen spielen eine bedeutsame Rolle in ihrem Professionalisierungsprozess. Die Befunde zahlreicher qualitativ und quantitativ orientierter Studien in verschiedenen Ländern wie auch in der Schweiz legen nah, dass dies auch für Beliefs über ICT gilt. Solche Beliefs erscheinen einflussreicher als beispielsweise die technische Ausstattung von Schulen oder mangelnde Weiterbildung von Lehrpersonen. Lehr-Lernsettings, die einen conceptual change ermöglichen, erweisen sich jedoch als anspruchsvoll und ihr Einfluss auf die Schulpraxis bleibt schwer nachweisbar. Zudem erscheint Professionalisierung im Hinblick auf Integration von ICT in den Unterricht einerseits als ein individueller Prozess, andererseits wegen der grundsätzlich stabilen Struktur von beliefs, kaum instrumentell veränderbar. (Tondeur et al. 2016, Ertmer/Ottenbreit-Leftwich/Tondeur 2014, Petko 2012). So bleiben vielfach nach wie vor die vorhandenen ICT-beliefs ein entscheidender Faktor des Handelns von Lehrpersonen, ohne dass empirisch oder theoretisch fundiertes Professionswissen, etwa pädagogisches Wissen (PK) oder fachdidaktisches Wissen (PCK) für den Einsatz von ICT massgeblich werden. Anstelle ICT-Beliefs von Lehrpersonen als „enabler“ oder „barrier“ einer ICT-Integration anzusehen, können sie jedoch auch als Ausgangspunkt eines Professionalisierungsprozesses verstanden werden, der bei der Lehrperson und ihren Überzeugungen ansetzt (Prasse/Honegger/Petko 2017, Tondeur et al. 2017).

Hiervon ausgehend stellt sich für die Konzeption und Organisation von Lehrerbildung im Hinblick auf ICT die herausfordernde Frage,

(a) wie diese Überzeugungen Studierenden bewusst werden können und vor dem Hintergrund von empirischem und theoretischem erziehungswissenschaftlichem Wissen und berufspraktischen Erfahrungen reflektiert und evaluiert werden können

(b) und welche Aufgaben in der (ersten Phase der) Lehrerbildung geeignet sind, solche reflektierten Beliefs in Entwürfe von Unterrichtspraktiken zu überführen, die sich aus den spezifischen Erfordernissen einer Fachdidaktik legitimieren.

Grundlage für eine Professionalisierung, die empirisch an vorhandenen ICT-beliefs ansetzen möchte, ist zumindest eine genauere Kenntnis ihrer Beschaffenheit. Aktuelle qualitative Studien liegen für den deutschsprachigen Raum nicht vor. Das Dissertationsprojekt möchte daher einen Beitrag zum Verständnis der qualitativen Struktur von beliefs angehender Lehrpersonen über ICT als Grundlage einer fachbezogenen ICT-Professionalisierung von Lehrpersonen leisten.

Methoden
Beliefs gelten forschungsmethodisch als schwer zugänglich. Zwischen der durch direkte Selbstauskünfte erhobenen teachers’ beliefs und der Unterrichtspraxis lassen sich kaum signifikante Korrelationen identifizieren, auch im Hinblick auf ICT-Gebrauch nicht. (Sprague/Katradis 2015, Sadaf/Newby/Ertmer 2016). Gruppendiskussionen auf Grundlage von konstruierten Lehrszenarien reflektieren die unterliegenden beliefs angehender Lehrpersonen offenbar genauer als Selbstauskünfte durch Fragebögen oder Interviews. Dabei haben sich besonders Entwürfe von Szenarien sowie Reaktionen auf Szenarien und Vignetten als eine verlässlichere Quelle für die Erhebung, Explikation und Reflexion von teachers‘ beliefs gezeigt (Bullough Jr. 2015, Santoro/Allard 2008). So wurde auf Grundlage der Literatur zum Gruppendiskussionsverfahren ein dreistufiger Ablauf entworfen, der sich an kulturanthropologischen Verfahren orientiert, indem das Untersuchungssetting in die gewöhnlichen Lehr-/Lernumgebung von Studierenden verlegt wird. Unter anderem werden Studierende in fachdidaktischen Lehrveranstaltungen gebeten, ein Szenario ihres Schulalltags in 25 Jahren im Hinblick auf den Digitalen Wandel zu entwerfen. Die Statements und Diskussionen im Seminarverlauf werden transkribiert und induktiv, wie auch deduktiv auf der Grundlage bestehender Modelle codiert und mit Methoden der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet (Stamann/Janssen/Schreier 2016, Mayring 2016). Insgesamt sind n=103 angehende Lehrpersonen der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer Sekundarstufe I und II an der Pädagogischen Hochschule Fachhochschule Nordwestschweiz Teil der Erhebung.

Ziele
Die Befunde zur Struktur der beliefs werden im Hinblick auf Anforderungen der Fachdidaktik der Gesellschaftswissenschaften im Digitalen Wandel (Demantowsky 2015) und im Hinblick auf lernerfolgsorientierte Relationierungsaufgaben in der Professionalisierung von Lehrpersonen (Reintjes 2018) erschlossen. Das soll eine empirische Grundlage für das mittelfristige Ziel des Forschungsprojekts «Lehrpersonen im Digitalen Wandel» geben, dessen erster Teil das Dissertationsprojekt ist: die Modellierung von Ausgangslage, Professionalisierungsprozess und Kompetenzzielen für Lehrpersonen der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer im Hinblick auf Gestaltung von Unterricht und Schule im Digitalen Wandel.

Dieses Promotionsprojekt findet im Rahmen eines drittmittelfinanzierten Forschungsprojekts „Lehrpersonen im digitalen Wandel #LPiDW“ (finanziert von Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Essen und Pädagogische Hochschule Fachhochschule Nordwestschweiz) an der Professur für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften und ihre Disziplinen (Leitung Prof. Dr. Marko Demantowsky) statt.

LiteraturBullough Jr., Robert V. (2015): Methods for Studying Beliefs. Teacher Writing, Scenarios and Metaphor Analysis. In: Fives, Helenrose und Gill, Michele Gregoire (Hrsg.): International Handbook of Research on Teachers’ Beliefs. New York: Routledge. S. 150–169.

Demantowsky, Marko (2015): Die Geschichtsdidaktik und die digitale Welt. Eine Perspektive auf spezifische Chancen und Probleme. Demantowsky, Marko et.al. (Hg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. Berlin: De Gruyter/Oldenbourg.

Ertmer, Peggy A.; Ottenbreit-Leftwich, Anne T. und Tondeur, Jo (2014): Teachers’ Beliefs and Uses of Technology to Support 21st-century Teaching and Learning. In: Fives, Helenrose und Gill, Michele Gregoire (Hrsg.): International Handbook of Research on Teachers’ Beliefs. Routledge.

Fluck, A. und Dowden, T. (2013): On the cusp of change: examining pre-service teachers’ beliefs about ICT and envisioning the digital classroom of the future. In: Journal of Computer Assisted Learning 29/1 (Februar). S. 43–52.

Mayring, Philipp (2016): Einführung in die qualitative Sozialforschung: eine Anleitung zu qualitativem Denken. 6., überarbeitete Auflage Aufl. Weinheim und Basel: Beltz. (= Pädagogik).

Petko, Dominik (2012): Hemmende und förderliche Faktoren des Einsatzes digitaler Medien im Unterricht: Empirische Befunde und forschungsmethodische Probleme. In: Schulz-Zander, Renate; Eickelmann, Birgit; Moser, Heinz; Niesyto, Horst und Grell, Petra (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 9. Wiesbaden: S. 29–50.

Prasse, Doreen; Honegger, Beat Doebeli und Petko, Dominik (2017): Digitale Heterogenität von Lehrpersonen – Herausforderung oder Chance für die ICT-Integration in Schulen? In: Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung 35/1. S. 219–233.

Reintjes, Christian (2018): (Diversitätssensible) Aufgaben als Schlüsselmerkmal professioneller Kompetenz: professions- und professionalisierungstheoretische Grundlegungen sowie hochschuldidaktische Implikationen. In: Kiso, C. und Lagies, K. (Hrsg.): Begabungsgerechtigkeit. Perspektiven auf stärkenorientierte Schulgestaltung in Zeiten von Inklusion. Wiesbaden: Springer. S. 171–196.

Sadaf, Ayesha; Newby, Timothy J. und Ertmer, Peggy A. (2016): An investigation of the factors that influence preservice teachers’ intentions and integration of Web 2.0 tools. In: Educational Technology Research and Development 64/1 (Februar). S. 37–64.

Santoro, Ninetta und Allard, Andrea (2008): Scenarios as springboards for reflection on practice: stimulating discussion. In: Reflective Practice 9/2 (Mai). S. 167–176.

Sprague, Debra R. und Katradis, Maria (2015): The Transference between Elementary Preservice Teachers’ Courses and Technology Use in Teaching. In: Niess, Margaret L. und Gillow-Wiles, Henry (Hrsg.): Handbook of Research on Teacher Education in the Digital Age. IGI Global. S. 108–134.

Stamann, Christoph; Janssen, Markus und Schreier, Margrit (2016): Qualitative Inhaltsanalyse – Versuch einer Begriffsbestimmung und Systematisierung. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 17/3 (September).

Tondeur, Jo; Braak, Johan van; Ertmer, Peggy A. und Ottenbreit-Leftwich, Anne (2016): Understanding the relationship between teachers’ pedagogical beliefs and technology use in education: a systematic review of qualitative evidence. In: Educational Technology Research and Development (September). S. 1–21.

Tondeur, Jo; Scherer, Ronny; Siddiq, Fazilat und Baran, Evrim (2017): A comprehensive investigation of TPACK within pre-service teachers’ ICT profiles: Mind the gap! In: Australasian Journal of Educational Technology 33/3 (Juli).