Übergangsausbildungen: Die Ausbildung der Ausbildungslosen

Promovierender: Luca Preite, luca.preite@fhnw.ch
Keywords: Übergangsausbildungen, Akteure/innen, Schattenarbeit, Grounded theory methods, berufliche Orientierung
Gutachtende: Prof. Dr. Albert Düggeli, Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder,
Prof. Dr. Christine Wiezorek
Laufzeit: HS 2015 –  FS 2019

Übergangsausbildungen nehmen eine bedeutende Stellung hinsichtlich des von der EDK und dem Bund formulierten Ziels einer nachobligatorischen Abschlussquote von 95% ein. Zwischen 20% bis 25% aller Regelschulabgänger/innen erlangen den Übertritt in die zertifizierende nachobligatorische Ausbildung „wenn überhaupt nur über [ein bis zwei Jahre andauernde] Zwischenstationen“ (Landert & Eberli, 2015, S. 7). Gemeint sind damit sogenannte Brückenangebote, Motivationssemester, Vorlehren sowie je nach Definition auch Praktika, Sprach- und Au-Pair-Aufenthalte sowie weitere informelle Zwischenlösungen. Als nicht ganz einfach zu überschauendes Konglomerat von öffentlichen und (halb-)privaten schulischen, beruflichen und sozialpolitischen Ausbildungs- und Aktivierungsmassnahmen, seit den neunziger Jahren kontinuierlich erweitert um der Problematik einer Jugendarbeitslosigkeit entgegenzutreten, verbleiben diese Übergangsausbildungen auch heute noch unabhängig wirtschaftlicher Erholungen für eine gewisse Anzahl und Fraktion von Jugendlichen eine Konstante und Notwendigkeit zugleich (SBFI, 2015). Vermehrt werden Übergangsausbildungen in dieser Hinsicht auch zum Gegenstand der bildungspolitischen Auseinandersetzung. Unter anderem anhand verschiedener kantonaler Abstimmungsvorlagen, die die Abschaffung von Brückenangeboten als schulische und öffentlich finanzierte Ausbildungsangebote fordern.

Solange die Forschungsliteratur in diesem Kontext bis anhin vor allem nach Erklärungen für diese im offiziellen Duktus sogenannten „aufgeschobenen Übergänge“ sucht, bleibt eher gering bis kaum erforscht, welche vielfältige Übergangsarbeiten seitens der beteiligten Akteure/innen hinsichtlich des Findens eines nachobligatorischen Ausbildungsplatzes (berufliche Orientierung, Bewerbungen, Umgang mit Absagen, Umorientierung) in diesen Übergangsausbildungen erbracht werden. Nicht von ungefähr dominieren demnach vor allem quantitative Untersuchungen, die mittels Variablen wie soziale Herkunft, Geschlecht, Schultyp und Leistungsklasse, Nationalität und Migrationshintergrund, Wohnort und Wohnkanton, elterliche Unterstützung, Selbstkonzepte, Entscheidungsverhalten sowie Kompetenz- und Resilienz-Entwicklung hypothetische Erklärungen für diese verzögerte und nicht-stattfindende Übertritte aufstellen (Pool Maag, 2016). Ebenso werden Übergangsausbildungen in theoretischer Vorannahme mehrheitlich mittels der Moratoriums-These (Bojanowski, 2012) untersucht und demnach als „Wartebank“, „Warteschleife“ und „verlorene Jahre mit hohen individuellen und gesellschaftlichen Kosten“ (Wolter & Jaik, 2016, S. 4) beschrieben. Vergessen bis opakisiert wird dabei aber, welche „Schattenarbeiten“ (Illich, 1981) in dieser Ausbildung der Ausbildungslosen sowohl hinsichtlich der Gestaltung, Separierung wie auch Abkühlung von Bildungslaufbahnen stattfinden.

Der Beitrag setzt an dieser Forschungslücke an und rückt die Akteure/innen der Übergangsausbildung in den Mittelpunkt der Analyse. Gemeint sind damit neben den Jugendliche und junge Erwachsenen, die eine Übergangsausbildung absolvieren und absolviert haben (Akteure/innen erster Ordnung) auch Ausbildungsverantwortliche, sprich Lehrperson und Schulleitungen von Übergangsausbildungen (Akteure/innen zweiter Ordnung) sowie im erweiterten Sinne beteiligte Vertreter/Innen aus Verwaltung, Wirtschaft, Politik und Hochschulen (Akteure/innen dritter Ordnung). Konkret werden dabei folgende Fragestellungen bearbeitet

1. Wie berichten Akteure/innen der Übergangsausbildung über ihre Übergangsarbeiten an der sogenannten ersten Schwelle?

2. Wie deuten und erklären sie (ihre) Übergänge und Übergangsarbeiten?

Für die Bearbeitung dieser Fragestellungen wertet der Beitrag über sechzig themenzentrierte Einzel- und Gruppeninterviews aus, die seit 2014 im Raum Nordwestschweiz mit Akteuren/innen der Übergangsausbildungen durchgeführt wurden. Sowohl die Datengenerierung wie die Datenauswertung erfolgt dabei nach dem konstruktivistischen Ansatz der grounded theory methods.

Neben einem vertieften Verständnis von „Transitions- und Transformationsprozessen“ (Oser & Düggeli, 2008) hoffe ich, aus meinem Dissertationsvorhaben auch Verwendungsmöglichkeiten für zukünftige Forschungsvorhaben rund um die Frage einer Pädagogik der beruflichen Orientierung ableiten zu können.

Literaturangaben
Bojanowski, A. (2012). „Moratorium 2.0“. Oder: Wie das Übergangssystem in Sozialisations- und Individuationsprozesse eingreift. In G. Ratschinski & A. Steuber (Hrsg.), Ausbildungsreife: Kontroversen, Alternativen und Förderansätze (S. 115-132). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Illich, I. (1981). Shadow work. Boston: Marion Boyars.

Landert, C. & Eberli, D. (2015). Bestandsaufnahme der Zwischenlösungen an der Nahtstelle I Staatssekretaritat für Bildung Forschung und Innovation. Zugriff am

Oser, F. & Düggeli, A. (2008). Zeitbombe "dummer" Schüler Resilienzentwicklung bei minderqualifizierten Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden. Weinheim: Beltz.

Pool Maag, S. (2016). Herausforderungen im Übergang Schule Beruf: Forschungsbefunde zur beruflichen Integration von Jugendlichen mit Benachteiligungen in der Schweiz. Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften, 38(3), 591-609.

SBFI (2015). Bestandsaufnahme der Zwischenlösungen an der Nahtstelle I. Bern: Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.

Wolter, S. C. & Jaik, K. (2016). Lost in Transition: Der Einfluss der Kontrollüberzeugung auf die Verzögerung von Bildungsentscheidungen (Kurzzusammenfassung). Universität Zürich und Universität Bern, Swiss Leading House Economics of Education, Firm Behavior Training Policies.

Luca Preite