Chatbots im Englischunterricht: Bedeutungsaushandlung in der Lernenden-Dialogsystem-Interaktion

Promovierende: Johanna Oeschger
Keywords
: classroom interaction, dialogue-based CALL, conversational agent, dialogue system, chatbot
Gutachtende:
Prof. Stefan Keller
Laufzeit:
FS 2018 – HS 2020

Thematische Einordnung und theoretische Verankerung
Die Fremdsprachenerwerbsforschung geht davon aus, dass die Interaktion für das Fremdsprachenlernen fundamental ist. Vielversprechende neue Möglichkeiten zur Interaktion vermutet die Forschung des Computer Assisted Language Learning (CALL) in der Kommunikation mit Dialogsystemen. Insbesondere in den letzten Jahren hat sich im Zuge der Fortschritte der in Dialogsystemen verwendeten Technologien und der damit verbundenen Verbreitung von Dialogsystemen in Form von Chatbots und Virtual Assistants das Interesse der CALL-Forschung an diesen Systemen verstärkt (z. B. Kim, 2017).

Insgesamt ist der Forschungsstand zu Dialogsystemen noch sehr limitiert. Dies trifft speziell auf Untersuchungen zu uneingeschränkten, NutzerInnen-gesteuerten Systemen ohne explizite Feedback- oder ‚Tutoring’-Funktion (reactive dialogue systems nach Bibauw, François, & Desmet, 2015) zu. Ebenfalls ausstehend in der Forschung sind qualitative Analysen unter fremdsprachendidaktischer Perspektive, die Aufschluss über die Besonderheiten dieser Interaktionen und damit auch Erklärungsansätze für die positiven Lerneffekte geben könnten.

Ziel dieses Dissertationsvorhabens ist es deshalb, die Qualität der Interaktionen von Englischlernenden mit uneingeschränkten Dialogsystemen zu untersuchen. Dabei zielt die Arbeit auf eine Analyse der Qualität der Interaktionsprozesse ab, operationalisiert durch das Diskursmerkmal “Bedeutungsaushandlung” (negotiations for meaning). Gemäss der Interaktions-Hypothese von Long (1996) unterstützen Bedeutungsaushandlungen den Fremdspracherwerb, indem sie zu verständlichem Input führen, für Lernende eine Quelle für Feedback sind und die SprecherInnen fordern, mittels repair ihren Output anzupassen.

Forschungsfragen
Aus diesen Befunden ergeben sich die folgenden Fragestellungen für die Dissertation:

  • Welche Eigenschaften weisen die in der Lernenden-System-Interaktion auftretenden Bedeutungsaushandlungen auf?
  • Ausgehend von der Interaktions-Hypothese nach Long (1996), verweisen die gefundenen Eigenschaften auf eine lernförderliche Interaktion?
  • Mit welcher Häufigkeit treten die verschiedenen gefundenen Aushandlungs-Typen auf?

Studiendesign
Die Datenerhebung wird im Berufsfachschulunterricht von drei Englischklassen einer kaufmännischen Berufsfachschule durchgeführt.

Die Interaktion findet schriftlich über eine Chat-Applikation auf mobilen Testgeräten (Laptops) mit einem uneingeschränkten Dialogsystem (‘Chatbot’) statt, welches zu diesem Zweck als Prototyp entwickelt wird. Das Gesprächsthema bzw. die Aufgabe (task) für die Interaktion beinhaltet einen fiktiven Dialog (Rollenspiel) zwischen Lernenden und Chatbot, z. B. ein Kundengespräch.

Die aufgezeichneten Chats, ergänzt durch transkribierte Bildschirmaufnahmen (screencasts) (Smith, 2008), werden mit dem Mittel der qualitativen Inhaltsanalyse nach (Kuckartz, 2018) ausgewertet. Auf Basis bestehender Modelle zur Kategorisierung von NfM-Sequenzen (nach Reinhardt, 2008; Smith, 2003; Varonis & Gass, 1985) werden in den Transkripten die NfM-Episoden von zwei Ratern codiert, quantifiziert und ausgewertet.

Relevante Individualfaktoren (Sprachkompetenz, Chat-Erfahrung auf Englisch) sowie die subjektive Einschätzung der Lernenden zur Aufgabe bzw. Interaktion mit dem Dialogsystem werden zu Beginn bzw. nach der Intervention mittels Fragebogen erhoben.

Literaturverzeichnis
Bibauw, S., François, T., & Desmet, P. (2015, May). Conversational agents for language learning: state of the art and avenues for research on task-based agents. Presented at the CALICO 2015. Retrieved from lirias.kuleuven.be/handle/123456789/499442

Kim, N.-Y. (2017). Effects of Types of Voice-Based Chat on EFL Students’ Negotiation of Meaning According to Proficiency Levels. English Teaching, 72(1), 159–181.

Kuckartz, U. (2018). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (4. Auflage). Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Long, M. H. (1996). The role of the linguistic environment in second language acquisition. In W. Ritchie & T. K. Bhatia (Eds.), Handbook of second language acquisition (Vol. 2, pp. 413–468). San Diego: Academic Press.

Pica, T., Kanagy, R., & Falodun, J. (1993). Chapter 9. Choosing and using communication tasks for second language instruction. In G. Crookes & S. M. Gass (Eds.), Tasks and Language Learning: Integrating Theory and Practice (Vol. 93, pp. 9–34). Clevedon: Multilingual Matters.

Reinhardt, J. (2008). Negotiating meaningfulness: An enhanced perspective on interaction in computer-mediated foreign language learning environments. In S. S. Magnan (Ed.), Mediating Discourse Online (pp. 219–244).

Smith, B. (2003). Computer–Mediated Negotiated Interaction: An Expanded Model. The Modern Language Journal, 87(1), 38–57. doi.org/10.1111/1540-4781.00177

Smith, B. (2008). Methodological hurdles in capturing CMC data: The case of the missing self-repair. Language Learning and Technology, 12(1), 85–103.

Varonis, E. M., & Gass, S. (1985). Non-native/non-native conversations: A model for negotiation of meaning. Applied Linguistics, 6(1), 71–90.