Astrid Marty: Kooperation und Reflexion zwischen Regel- (RLP) und Heilpädagogischen Lehrpersonen (HP) im Unterricht

Promovierende: Astrid Marty, astrid.marty@fhnw.ch
Laufzeit: bis Ende 2017

Kooperation wird von heutigen Lehrpersonen erwartet und die Rahmenbedingungen für den Unterricht haben sich mit der Stärkung der integrativen Schulungsformen (ISF) und der zunehmenden Heterogenität verändert. Lehrerkooperation wird als "Königsweg zur Qualitätssteigerung und Professionalität" (Terhart, 2001) betrachtet, bringt einen signifikanten Nutzen für die Schul- und Unterrichtsentwicklung (Bonsen & Rolff, 2006; Esslinger, 2002; Fussangel, 2008; Terhart, 2001) und gilt als eine zentrale Gelingensbedingung für integrativen Unterricht (Grossenbacher, 2010). Allerdings wird Kooperation heute für viele pädagogische, didaktische und soziale Probleme zum Teil unreflektiert und wenig kritisch als Lösungsansatz betrachtet (Breuer & Reh, 2010; Maykus, 2009). Lehrpersonen können sich jedoch gegenseitig unterstützen und im Sinne eines "reflective learner" (Stenberg, 2010) voneinander lernen. Regel- und Heilpädagogische Lehrpersonen sehen sich mit unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen in Bezug auf ihre Arbeit konfrontiert (Bauer, Andreas Kopka, & Brindt, 1996; Huber, 2000; Lütje-Klose & Willenbring, 1999), kämpfen mit unterschiedlichen Rollen- und Funktionskonflikten und stossen dabei leicht an ihre Grenzen. Die Arbeit als Team im Klassenzimmer ist anspruchsvoll: Handlungsmöglichkeiten müssen abgewogen, Ziele, Prioritäten müssen gesetzt werden. Lehrpersonen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Wissen, innere Bilder und Vermutungen über die Art und Weise wie sie unterrichten möchten mit. Solche Vorstellungen und inneren Bilder sind relativ überdauernde, mentale Strukturen, was und wie eine (soziale) Situation wahrgenommen wird; sie nehmen Einfluss auf das Verhalten einer Person, können als subjektive Theorien betrachtet werden (vgl. Gastager et al. 2002; Fussangel, 2008) und sind daher zentral für die Kooperationspraxis und deren Nutzen.
In diesem Forschungsprojekt geht es darum, auf der Primarstufe praktizierte Kooperationsformen zwischen Regel- und Heilpädagogischen Lehrpersonen und Zusammenhänge zwischen Kooperation und Vorstellungen der Lehrpersonen zu ergründen. Vorstellungen von Kooperation und des professionellen Handelns sollen analysiert und daraufhin untersucht werden, welche Aspekte für eine gelingende Kooperation zwischen Regel- und Heilpädagogischen Lehrpersonen als relevant betrachtet werden. Die Untersuchung wird qualitativ durchgeführt. In einem ersten Schritt werden mit strukturierten Interviews Lehrpersonen zur Ausgestaltung des gemeinsamen Unterrichts, zu ihrem gegenseitigem Austausch sowie Vorstellungen und Einstellungen über Kooperation befragt.  Mit einem Struktur-Lege-Verfahren werden in einem zweiten Schritt die z.T. implizit vorhandenen Vorstellungen, welche das pädagogische Handeln beeinflussen, versucht aufzudecken und zu rekonstruieren. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwiefern solche Vorstellungen vorliegen und sich rekonstruieren lassen, inwiefern die Kooperation sich auf die Reflexion des Unterrichts auswirkt und welches subjektiv erlebte Gelingensbedingungen resp. Risikofaktoren für eine gelingende Kooperation zwischen Regel- und Heilpädagogischen Lehrpersonen sind.

Literatur:Bauer, K.-O., Andreas Kopka, & Brindt, S. (1996). Pädagogische Professionalität und Lehrerarbeit. Eine qualitativ empirische Studie über professionelles Handeln und Bewußtsein. Weinheim u.a.: Juventa.

Bonsen, M., & Rolff, H.-G. (2006). Professionelle Lerngemeinschaften von Lehrerinnen und Lehrern. Zeitschrift für Pädagogik, 2, 167–184.Breuer, A., & Reh, S. (2010). Zwei ungleiche Professionen? Wie LehrerInnen und ErzieherInnen in Teams zusammenarbeiten. Soziale Passagen, 2, 29–46.Esslinger, I. (2002). Berufsverständnis und Schulentwicklung: ein Passungsverhältnis? Eine empirische Untersuchung zu schulentwicklungsrelevanten Berufsauffassungen von Lehrerinnen und Lehrern. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.Fussangel, K. (2008). Subjektive Theorien von Lehrkräften zur Kooperation - Eine Analyse der Zusammenarbeit von Lehrerinnen und Lehrern in Lerngemeinschaften. Universität Wuppertal, Wuppertal. Grossenbacher, S. (2010). Kompetenz und Professionalität entwickeln. In A. Buholzer & A. Kummer Wyss (Hrsg.), Alle gleich - alle unterschiedlich! Zum Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. (S. 162–168). Zug: Klett. Huber, B. (2000). Team-Teaching. Bilanz und Perspektiven. Eine empirische Untersuchung im Kärtner Volksschulbereich Integrati-onsklassen (Schuljahr 1998/99) zur Thematik/Problematik der Zusammenarbeit im Zweierteam. Frankfurt, Main; Berlin; Bern; Bruxelles; New York; Oxford; Wien: Lang.Lütje-Klose, B., & Willenbring, M. (1999). „Kooperation fällt nicht vom Himmel“. Möglichkeiten der Unterstützung kooperativer Pro-zesse in Teams von Regelschullehrerin und Sonderpädagogin aus systemischer Sicht. Behindertenpädagogik, 38(1), 2–31.Maykus, S. (2006). Kooperation von Jugendhilfe und Schule. In S. Knauer & A. Durdel (Hrsg.), Die neue Ganztagsschule: Gute Lernbedingungen gestalten. Weinheim [u.a.]: Beltz.Maykus, S. (2009). Die Ganztagesschule: von der Theorie zur Praxis. In Kooperation: Mythos oder Mehrwert?. Der Nutzen multipro-fessioneller Kooperation der Akteure schulbezogener Jugendhilfe. Weinheim: Juventa.Terhart, E. (2001). Lehrerberuf und Lehrerbildung: Forschungsbefunde, Problemanalysen, Reformkonzepte. Beltz.