Identifikation von Vulnerabilitätsgruppen in der Schule und deren Schulleistung

Promovierende:Sabrina Lisi, sabrina.lisi@fhnw.ch
Keywords: Schulleistung, HISEI, Herkunft, Geschlecht, Vulnerabilität, Stereotypbedrohung, Selbstkonzept
Gutachtende: Prof. Dr. Albert Düggeli, Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder
Laufzeit: HS 2016-HS 2020

Theoretische Verankerung, Fragestellungen
Die Selbstkonzeptforschung gewinnt seit den Siebzigerjahren zunehmend an Bedeutung und ist mittlerweile auch im Kontext schulischer Lehr- und Lernprozesse und damit in pädagogisch-psychologischen Zusammenhängen eine zentrale Bezugsgrösse (Möller & Trautwein, 2015; Shavelson et al., 1976).

Die kollektiven Zuschreibungen „Mädchen seien schlecht in Mathematik und Jungen schlecht in Sprachen“ nehmen eine Korrelation zwischen Geschlecht und Schulleistungen an, welche sich aus keinem Kausalzusammenhang erschliessen lässt. Diese Kategorisierung in Frau oder Mann formt jedoch das Selbstkonzept einer Person mit und erleichtert Stereotypisierungen (Blumenfeld et al., 1982; Frasch & Wagner 1982; Away et al., 2008; Latsch & Hannover, 2014). Die Stereotypen wiederum können kognitiv aktiviert werden, so dass die Zugehörigkeit zu einer Kategorie (Mann oder Frau) salient wird. In einer Leistungssituation, beispielsweise eine Prüfung in der Schule, kann diese Salienz eine Bedrohung für die betreffenden Personen darstellen. Man spricht von einer Stereotypbedrohung, welche davon ausgeht, dass Personen, trotz entsprechenden intellektuellen Fähigkeiten, gehemmt werden gute Leistungen zu erbringen (Aronson et al. 1998; Croizet & Claire, 1998; Steele et al., 1995). Die Stereotypbedrohung kann verstärkt werden, wenn eine selbstkonzeptbedrohende Variable (z.B. Geschlecht) mit weiteren selbstkonzeptbedrohenden Variablen (z.B. tiefer HISEI und Migrationshintergrund) kumuliert wird. Wenn diese Variablen in einem Individuum zusammentreffen, kann man von einer sehr hohen Vulnerabilität bezüglich der Stereotypbedrohung ausgehen. Die Stereotypbedrohungen, welche Individuen erfahren könnten, würden eine erfolgreiche Schullaufbahn erschweren, obwohl das Potenzial dafür gegeben wäre (Steele, 1992 & 1997; Marx & Roman, 2002).

Es stellt sich die Frage, ob Stereotypbedrohungen eine Art Selbstkonzepteffekte darstellen. Möller und Trautwein (2015) meinen dazu: „Wahrgenommene Stereotype sind potenziell selbstkonzeptrelevant. Allerdings scheinen Stereotype-Threat-Effekte auch dann aufzutauchen, wenn die Stereotypien gar nicht in das Selbstbild integriert wurden, sondern nur als Fremdbild wahrgenommen werden“. Inwiefern verbuchen nun bestimmte Subgruppen (Mädchen, Jungs, Jugendliche mit Migrationshintergrund, bildungsferne Jugendliche etc. und Kombinationen aus diesen Subgruppen) in Schweizer Schulen Leistungseinbussen in Folge einer Stereotypbedrohung und was bedeutet dies für die Schulentwicklung? Was muss gegeben sein, damit in den Klassenzimmern ein konstruktiver Umgang mit Heterogenität möglich ist, um so mögliche Stereotypbedrohungen zu verringern?

Als Grundlage für die quantitativen Analysen stehen Längsschnittdatensätze der Projekte TIDES und ADDISCO zur Verfügung. Die Daten betreffen Lernende im 7., 8. und 9. Schuljahr der OS, WBS (A-Zug und E-Zug) und des Gymnasiums. Es werden jedoch hauptsächlich die Daten der Acht- und Neuntklässler verwendet. Diese Daten sind sehr breit gefächert und reichen von biographischen und selbstkonzeptbezogenen Variablen über auf das kognitive Potenzial bezogene, bis hin zu leistungsbezogenen Variablen. Für die qualitativen Analysen werden der Lehrplan 21, die Bildungspläne der Sekundarstufe II, unter Umständen das Maturitätsanerkennungsreglement (MAR), sowie Studien und Essays, die sich mit Vulnerabilitätsgruppen, u.a. Stereotypbedrohungen auseinandersetzen, hinzugezogen. 

Voraussichtlich werden Regressionsanalysen und Strukturgleichungsmodelle als Auswertungsmethoden eingesetzt. In hierarchischen Regressionsanalysen kann beispielsweise aufgezeigt werden, welche Faktoren die Leistungsentwicklung der Lernenden in Abhängigkeit des Selbstkonzepts in welchem Mass vorhersagen.

Voraussichtlich werden die hermeneutische Textanalyse und die qualitative Inhaltsanalyse zum Tragen kommen. Diese werden hauptsächlich für die Forschungsfragen der Schwerpunkte über die Erschwerung der Schullaufbahn durch die Zugehörigkeit einer Vulnerabilitätsgruppen angewandt.

Das Ziel der Arbeit ist solche Vulnerabilitätsgruppen zu identifizieren, um so allfälligen Stereotypbedrohungen entgegenzuwirken damit sich vorhandene Potenziale entfalten können.

Literatur
Aronson, J., Quinn, D. M., & Spencer, S. J. (1998). Stereotype threat and the academic underperformance of minorities and women. Prejudice: The target's perspective, (pp. 83-103), San Diego, CA, US: Academic Press.

Away, L. E. C. T., Ammon, B. V., & Maehr, M. L. (2008). The resilient Self. Self-processes, Learning, and Enabling Human Potential: Dynamic New Approaches, 289.

Blumenfeld, P. C., Pintrich, P. R., Meece, J., & Wessels, K. (1982). The formation and role of self perceptions of ability in elementary classrooms. The Elementary School Journal, 82(5), 401-420.

Croizet, J. C., & Claire, T. (1998). Extending the concept of stereotype threat to social class: The intellectual underperformance of students from low socioeconomic backgrounds. Personality and Social Psychology Bulletin, 24, 588–594.

Frasch, H., & Wagner, A. C. (1982). Auf Jungen achtet man einfach mehr. Sexismus in der Schule. Weinheim: Beltz, 260-278.

Latsch, M., & Hannover, B. (2014). Smart Girls, Dumb Boys!?. Social Psychology. Vol. 45(2):112–126.

Marx, D. M., & Roman, J. S. (2002). Female role models: Protecting women’s math test performance. Personality and Social Psychology Bulletin, 28(9), 1183-1193.

Möller, J., & Trautwein, U. (2015). Selbstkonzept. In: Pädagogische Psychologie (pp. 177-199). Springer Berlin Heidelberg.

Shavelson, R. J., Hubner, J. J., & Stanton, G. C. (1976). Self-concept: Validation of construct interpretations. Review of Educational Research, 46, 407–441.

Steele, C. M. (1992). Race and the schooling of Black Americans. Atlantic Monthly, April, 68–78.

Steele, C. M., & Aronson, J. (1995). Contending with a stereotype: African-American intellectual test performance and stereotype threat. Journal of Personality and Social Psychology, 69, 797–811.

Steele, C. M. (1997). A threat in the air: How stereotypes shape intellectual identity and performance. American Psychologist, 52, 613–629.