Das Geschlechtergerechtigkeitsverständnis von Kindern zwischen sechs und vierzehn Jahren

Promovierende: Jana Lindner, jana.lindner@unibas.ch
Keywords: Geschlechtergerechtigkeit, Kindheitsforschung, geschlechtersensible Pädagogik
Gutachtende: Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof. Dr. Elena Makarova, Prof. Dr. Andrea Maihofer
Laufzeit: HS 2016 - FS 2020

Thematische Einordnung und Fragestellung
Das Gerechtigkeitsempfinden im Hinblick auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Mädchen und Jungen in der Gesellschaft ist - speziell aus der Perspektive von Kindern  - noch nicht stark erforscht (vgl. World Vision Deutschland e.V. 2013, S. 27). Dem Leitgedanken der Kindheitsforschung folgend, wonach Kinder ihr Umfeld, ihre sozialen Ordnungen und Beziehungen aktiv formen und beeinflussen (vgl. Andresen/ Hurrelmann 2010, S. 55f.), interessiert mich in meinem Dissertationsprojekt, wie Kinder Geschlechter(un)gerechtigkeit beurteilen, verhandeln und in Folge dessen, welche Bedeutung Geschlechtergerechtigkeit für sie hat. Gerade weil das Geschlecht eine zentrale Kategorie bei der Verteilung von Lebenschancen darstellt, halte ich es für unerlässlich, die Sicht der Kinder einzubeziehen. So kann diese möglicherweise Aufschluss darüber geben, welche Weichen gestellt werden müssten, um Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts abzubauen. Ziel der Arbeit ist es, aus den gewonnenen Erkenntnissen eine erziehungswissenschaftliche Definition von Geschlechtergerechtigkeit für die Kindheit aufzustellen, die in der Pädagogik bisher nicht existiert. Die Forschungsfrage, die mich zu diesem Ziel führt, lautet deshalb wie folgt:

Wie bewerten und verhandeln Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sowie innerhalb der Geschlechter und welche Rückschlüsse lässt dies auf ihr Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit zu?

Ausgehend von der Forschungsfrage stelle ich vorläufig folgende Hypothesen auf: Das Verständnis von Geschlechter(un)gerechtigkeit ist erstens familienabhängig und zweitens geschlechtsabhängig.

Theoretische Verankerung
Die theoretische Grundlage meiner Arbeit basiert auf drei Säulen, die ich produktiv zu verknüpfen versuche, da mein Forschungsvorhaben in mehrerlei Hinsicht bestehende „Forschungslücken“ überbrücken muss. Neben einer fehlenden Definition von Geschlechtergerechtigkeit in der Pädagogik, steht die Verknüpfung von Kindheitsforschung und Gerechtigkeitsforschung noch am Anfang. Im Hinblick auf mein Forschungsvorhaben sind drei Disziplinen relevant:

  • Die Gerechtigkeitsforschung: Neben der Reproduktion des interdisziplinären Forschungsstands folgt eine eingehende Auseinandersetzung mit der Theorie des „Capability-Approach“ nach Martha Nussbaum, deren Befähigungsansatz Geschlechtergerechtigkeit impliziert. Zum anderen beziehe ich mich auf entwicklungspsychologische Untersuchungen von Jean Piaget zur moralischen Urteilsfähigkeit von Kindern und daran anknüpfend auf die Arbeiten von Lawrence Kohlberg. Zudem führe ich Carol Gilligan und Gertrud Nunner-Winkler an, die Hauptvertreterinnen der Debatte um Geschlechterdifferenzen in der Ausprägung moralischer Urteilsfähigkeit.
  • Die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung: Indem ich die Prämissen einer geschlechtersensiblen Pädagogik reproduziere, erfährt der Begriff der Geschlechtergerechtigkeit in der Erziehungswissenschaft eine Kontextualisierung und macht so den Kernpunkt meiner Forschung greifbar für die darauffolgenden Arbeitsschritte.
  • Die Kindheitsforschung: Hier ist die dritte World Vision Kinderstudie aus dem Jahr 2013 zu nennen, die den Anstoss für mein Forschungsvorhaben gegeben hat. Sie untersucht erstmals das Gerechtigkeitsverständnis von 6 bis 11-jährigen Kindern in Deutschland (vgl. World Vision Deutschland e.V. 2013).

Materialgrundlage
Der empirische Teil der Forschungsarbeit stützt sich auf 20 qualitative Interviews, die ich mit Kindern der Primar- und Sekundarschulstufe I durchführen werde. Angelehnt an meine aufgestellten Hypothesen sind die Familienkonstellation und das Geschlecht der Kinder ausschlaggebend. So gilt es, zu überprüfen, inwiefern jene Kriterien mit dem kindlichen Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit korrelieren. Weil ich davon ausgehe, dass die jeweiligen Arrangements und Handhabungen der familialen Arbeitsteilung das kindliche Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit prägen, sollen hier Kinder verschiedener Familienkonstellationen vertreten sein. Im Rahmen von Pretests wird ausserdem noch zu prüfen sein, inwieweit die ausgewählte Altersspanne der Kinder zu reproduzierbaren Ergebnissen führt bzw., ob das Alter der befragten Kinder eventuell stärker eingegrenzt werden muss. Hauptbestandteil der Interviews sind Fallbeispiele, die im Vorfeld erarbeitet werden. Die Interviews sind bewusst so angelegt, dass die befragten Kinder zu verschiedenen Szenarien Stellung beziehen und über gerechtes oder ungerechtes Verhalten entscheiden müssen. Anhand ihrer Ausführungen sollen Reflektions-, Evaluations- und Verhandlungsfähigkeiten sichtbar gemacht und damit ihr Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit eruiert werden.

Methoden der Datenerhebung und -auswertung
Meine Wahl der Erhebungsmethode fällt auf das problemzentrierte Interview nach Andreas Witzel, weil es sowohl theoriegeleitet, als auch flexibel verfährt. So wird der „Erkenntnisgewinn als induktiv-deduktives Wechselspiel organisiert“ (vgl. Witzel 2000, S. 1). Im Dialog mit ProbandInnen werden diese zu Narrationen angeregt, die Auskunft darüber geben, welche Reflexionen, Wahrnehmungen und Erfahrungen sie hinsichtlich des zu untersuchenden Problems haben (vgl. ebd., S. 2). Bei der Auswertung der Interviews wende ich die strukturierende Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring an. Ihr Ziel ist es, Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation zu ermöglichen (vgl. Mayring, 2010, S. 13). Auf Grundlage meiner theoretischen Verortung und Hypothesen stelle ich erste Kategorien auf, die ich während der Auswertung des Materials induktiv noch optimieren und ergänzen werde.

Literatur
Andresen, S. / Hurrelmann, K. (2010): Bachelor | Master: Kindheit. Weinheim: Beltz Verlag, S. 55-78.

Gilligan, Carol (1984): Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. München: Piper Verlag.

Kohlberg, L. (1974): Zur kognitiven Entwicklung des Kindes. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Mayring, P. (2010): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz Verlag.

Nunner-Winkler, G. (1995): Weibliche Moral. Die Kontroverse um eine geschlechtsspezifische Ethik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Nussbaum, M. (2012): Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Gender Studies, 7. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Piaget, J. (2015)[1954]: Das moralische Urteil des Kindes. Stuttgart: Klett-Cotta.

Sen, A. (2009): Die Idee der Gerechtigkeit. München: Verlag C. H. Beck.

Witzel, Andreas (2000). Das problemzentrierte Interview [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1 (1), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228, [01.10.2016].

World Vision Deutschland e.V. (2013): Kinder in Deutschland 2013. 3. World Vision Kinderstudie. Weinheim: Beltz Verlag.