Sex dis-/played. Wie Jugendliche ihre Erfahrungen mit sexuell explizitem Material im Internet erzählen.

Promovierende: Seline Kunz, seline.kunz@unibas.ch
Keywords: Sexuell explizites Material, Pornografie, Internet, Sexualität, Geschlecht, Geschlechter-verhältnisse, Jugend, Jugendforschung, Entwicklungsaufgaben.
Gutachtende: Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof Dr. Andrea Maihofer
Laufzeit: 2013-2017

 

Der Zugang zu sexuell explizitem Material im Internet ist für Jugendliche in den letzten Jahren immer einfacher geworden. Diese Entwicklung steht im Kern eines gesellschaftlichen Missbehagens darüber, dass Pornografie auf jungen Menschen unterschiedliche Auswirkungen haben könnte: von der (Hetero-)Norm abweichende Sexualformen und -Praxen, ein ‚verzerrtes Bild von Sexualität’ in den Köpfen der Jugendlichen, Geschlechtsverkehr ohne feste Beziehung, (altersmässig) ‚früher’ erster Geschlechtsverkehr, Sex ohne Empfängnisverhütung/ Schutz vor Geschlechtskrankheiten bis hin zu Suchtgefahr und erhöhter Gewaltbereitschaft. In meinem Dissertationsprojekt möchte ich herausfinden, was hinter diesen gesellschaftlichen Diskussionsfeldern steckt, indem ich mich mit den Geschichten derjenigen beschäftige, über die gesprochen wird: die Jugendlichen selbst. Im Zentrum meines Interesses steht ein im Forschungsfeld vernachlässigte Perspektive, nämlich derjenige der Deutungen und Gefühlen Jugendlicher (vgl. auch Horvath et al., 2013) von und in Bezug auf Pornografie, mit besonderem Fokus auf die Konstruktion von Sexualität, Geschlecht und Geschlechterverhältnissen. Diese Perspektive werde ich im Rahmen einer Abwendung von im Forschungsfeld vorhandenen, normativen Polarisierungen einnehmen, bzw. einer Hinwendung zu einer wertneutralen, offenen Forschungshaltung gegenüber dem Thema und nicht zuletzt gegenüber der Jugendlichen.

In unterschiedlichen Studien wird gezeigt, dass Pornografie Teil einer alltäglichen Erfahrung von Jugendlichen ist und die meisten Jugendliche einen ‚kompetenten’ Umgang damit zeigen: Sie ziehen eine Trennung zwischen Sexualität in Pornografie und ihrer eigenen Sexualität. Dabei wird die eigene Sexualität – im Gegensatz zur Sexualität, wie die Jugendlichen sie in pornografischen Darstellungen wahrnehmen – mit Liebe und Intimität konnotiert. Die Studien zeigen zudem Unterschiede zwischen Erfahrungen und Umgang junger Männer und junger Frauen mit Pornografie bezüglich Nutzungsfrequenz, Motiven, Konsumsettings, (u.a.). In den zitierten Studien wird zudem offenbar, dass, wenn Erwartungsdruck durch Pornografie aufgebaut wird, dieser oftmals geschlechtsspezifisch ist: Frauen entwickeln eher Sorgen bezüglich ihres Aussehens, während Männer eher Druck empfinden bezüglich ihrer sexuellen Leistung (Siehe:  Berg (2007); Löfgren-Mårtenson & Månsson (2010); Matthiesen et al. (2011)  Matthiesen & Schmidt (2011); Grimm, Rhein, & Müller (2011)). Drei der genannten Studien zeigen, dass es zu einer Destabilisierung der heterosexuellen weiblichen Geschlechtsidentität durch Interesse an Pornografie bei Frauen kommt, während bei Männern Interesse an Pornografie zu einer Stabilisierung der männlichen Geschlechtsidentität führt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Positionierungen der Jugendlichen durchwegs Geschlechtsidentitäts-stabilisierend sind, sondern es sind ambivalente Positionierungen von Frauen (und Männern, allerdings weniger) in Bezug auf das Interesse an Pornografie sowie zum Erregungspotential von Pornografie vorhanden (vgl. Matthiesen et al. (2011);  (Matthiesen & Schmidt (2011); Löfgren-Mårtenson & Månsson (2010)). Pornografie stellt trotz der kritischen Haltung vieler Jugendlicher und einer damit verknüpften Trennung zwischen der eigenen Sexualität und derjenigen in Pornografie, einen Bezugsrahmen für Jugendliche dar, was (geschlechtsspezifische) Körperideale und sexuelles Verhalten angeht (vgl. Löfgren-Mårtenson & Månsson (2010); Matthiesen et al. (2011)).

In den erwähnten Studien wird teilweise geschlechtsspezifisch geforscht und es werden vereinzelt auch Aussagen Jugendlicher bezüglich ihrer Idee von Sexualität und Geschlechterverhältnissen aufgenommen und reflektiert. In meiner Studie soll dieser Strang jedoch stärker verfolgt und zudem (de-)konstruktivistisch beleuchtet werden. So ergeben sich folgende Fragestellungen: 1. Welche Bedeutung(en) messen Jugendliche pornografischen Inhalten bei? 2. Welche Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht werden in den Erzählungen zu den Erfahrungen mit Pornografie (re)produziert? Bei der Bearbeitung der genannten Fragen wird sexuell explizites Material im Internet als „Entwicklungsaufgabe“ (Havighurst (1981); Hurrelmann & Bauer (2015) verstanden. Die Theorie der Entwicklungsaufgaben besagt, dass unterschiedliche Anforderungen, (soziale, gesellschaftliche, körperliche, psychische, u.a.) an Jugendliche herangetragen werden, mit denen sie sich auseinandersetzen bzw. diese „produktiv verarbeiten“ (vgl. Hurrelmann & Bauer (2015) müssen. Die Auseinandersetzung mit solchen Entwicklungsaufgaben trägt zur Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher bei.

Für mein Projekt habe ich insgesamt 51 Jugendliche befragt, indem ich mit ihnen Gruppendiskussionen nach Bohnsack (1989, 1999, 2009) und Bohnsack et al. (2010) geführt habe. Es handelt sich dabei um 23 junge Frauen und 26 junge Männer zwischen 15 und 20 Jahren mit unterschiedlichen Bildungsgraden (Schüler_innen unterschiedlicher Niveaus von Berufsschulen und Gymnasiast_innen). Ein Teil der Schulen befindet sich im städtischem, ein anderer Teil in ländlichem Milieu und es sind Jugendliche mit und ohne ‚Migrationshintergrund’. Insgesamt sind es 12 ‚natürliche‘ Gruppen, geschlechtergetrennt und geschlechtergemischt, à 2 bis 7 Leute.

Die Gespräche werden mittels der dokumentarischen Methode (Bohnsack, 1997, 1999, 2003; Bohnsack, Nentwig-Gesemann, & Nohl, 2007; Nohl, 2009, 2013) und ergänzenden Analysestrategien des „integrativen Basisverfahrens“ nach Kruse (2014) analysiert. Dabei sind unterschiedliche Ebenen der (rekonstruktiven) Analyse und eine Offenheit der Forschungseinstellung, die Ambivalenzen und Un-Eineindeutigkeiten Platz lässt, von zentraler Bedeutung. Dementsprechend wird nicht lediglich darauf fokussiert, was die Jugendlichen sagen, sondern auch wie sie es sagen  (vgl. Bohnsack, 2003: 556-557, in Bezugnahme auf Mannheim, 1964. Kursivierung SK).

Ziel des Projekts ist es, zu verstehen, welche Bedeutung(en) die 51 Jugendlichen meiner Studie Pornografie im Internet zuschreiben und wie sie dabei Sexualität, Geschlecht und Geschlechterverhältnisse verstehen. Die Ergebnisse können dazu beitragen, Orientierungspunkte bei den Jugendlichen zu identifizieren, die relevant sein könnten für ein besseres Verständnis von Jugendlichen im Umgang mit Pornografie. Weiter kann an die Ergebnisse angeknüpft werden, wenn über künftige Sensibilisierungsmassnahmen (von Jugendlichen, Lehrpersonen oder Eltern, u.a.) nachgedacht wird und schliesslich bei weiterer Forschung in diesem Bereich.

Literatur:
Berg, L. (2007). Turned on by pornography - Still a respectable girl? In S. V. Knudsen, L. Löfgren-Mårtenson & S.-A. Månsson (Eds.), Generation P? Youth Gender and Pornography (pp. 293-308). Copenhagen: Danish School of Education Press.

Bohnsack, R. (1989). Generation Milieu und Geschlecht. Opladen: Leske +Budrich.

Bohnsack, R. (1997). Dokumentarische Methode. In R. Hitzler & A. Honer (Eds.), Sozialwissenschaftliche Hermeneutik (pp. 191-211). Opladen: Leske und Budrich.

Bohnsack, R. (1999). Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung. (3. überarbeitete Auflage ed.). Opladen: Leske + Budrich.

Bohnsack, R. (2003). Dokumentarische Methode und sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 6(4), 550-570.

Bohnsack, R. (2009). Gruppendiskussion. In U. Flick, E. von Kardorrf & I. Steincke (Eds.), Qualitative Frschung. Ein Handbuch (pp. 369-384). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Bohnsack, R., Nentwig-Gesemann, I., & Nohl, A.-M. (2007). Einleitunng: Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. In R. Bohnsack, I. Nentwig-Gesemann & A.-M. Nohl (Eds.), Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis (pp. 9-27). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Grimm, P., Rhein, S., & Müller, M. (2011). Porno im Web 2.0. Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen. Berlin: Vistas Verlag.

Havighurst, R. J. (1981). Developmental tasks and education (3rd ed.). New York: Longman.

Horvath, M. A. H., Alys, L., Massey, K., Pina, A., Scally, M., & Adler, J. R. (2013). Basically... porn is everywhere”. A Rapid Evidence Assessment on the Effect that Access and Exposure to Pornography has on Children and Young People. London: Children’s Commissioner and Middlesex University London.

Hurrelmann, K., & Bauer, U. (2015). Einführung in die Sozialisationstheorie. Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. Weinheim: Beltz.

Kelle, U., & Kluge, S. (2010). Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag.

Kruse, J. (2014). Qualitative Interviewforschung. Ein integrative Ansatz (2. überarbeitete und ergänzte Auflage ed.). Weinheim und Basel: Belz Juventa.

Löfgren-Mårtenson, L., & Månsson, S.-A. (2010). Lust Love and Life: A qualitative study of Swedish adolescents' perceptions and experiences with pornography. Journal of Sex research,, 47(6), 568-597.

Matthiesen, S., Martyniuk, U., & Dekker, A. (2011). What do girls do with porn? Ergebnisse einer Interview-Studie, Teil 1. Zeitschrift für Sexualforschung, 24, 326- 352.

Matthiesen, S., & Schmidt, G. (2011). What do boys do with porn? Ergebnisse einer Interview-Studie, Teil 2. Zeitschrift für Sexualforschung, 24, 353- 378.

Nohl, A.-M. (2009). Interview und dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS.

Nohl, A.-M. (2013). Relationale Typenbildung und Mehrebenenvergleich. Neue Wege der dokumentarischen Interpretation. Wiesbaden: Springer.

Seline Kunz