Die Bedeutung der Fachmittel-/Fachmaturitätsschule als Zugangsweg zur Lehrkräfteausbildung an Pädagogischen Hochschulen aus soziologischer Perspektive: Entwicklung, Profilierung, regionale Unterschiede

Promovierende: Sandra Hafner, sandra.hafner@unibas.ch
Keywords
: Fachmittelschule; Fachmaturität; Lehrer/innenbildung; Sekundarstufe II; Gymnasium; Pädagogische Hochschule; Bildungssoziologie; Konventionensoziologie
Gutachtende
: Prof. Dr. Regula Julia Leemann, Prof. Dr. Christian Imdorf, Prof. Dr. Manfred Max Bergman
Laufzeit
: 03/2016 – 03/2019

Angesichts des steigenden Lehrkräftebedarfs insbesondere auf Primarstufe (Babel et al. 2013; Babel 2017) rückt die Rekrutierungsbasis der Pädagogischen Hochschulen in den Fokus des Interesses. Diese gestaltet sich in der Schweiz v.a. durch zwei Zugangswege auf Sekundarstufe II, aus welchen der prüfungsfreie Zugang zur Ausbildung als Lehrperson für die Vorschul- und Primarstufe an Pädagogischen Hochschulen möglich ist: die gymnasiale Maturität sowie die Fachmittelschule mit Berufsfeld und Fachmaturität Pädagogik.

Die gymnasiale Maturität gilt als klassischer und legitimierter Weg in die Lehrkräfteausbildung auf Vorschul- und Primarstufe, und wurde lange - sowohl von bildungspolitischer Seite als auch der Lehrerschaft - als "Königsweg" an die Pädagogischen Hochschulen bezeichnet (z.B. Criblez 2006; LCH 2009; Lehmann et al. 2007; EDK 2004). Die Fachmittelschule (ehem. Diplommittelschule) hingegen wurde als Zugangsweg in die Studiengänge der Pädagogischen Hochschulen in manchen Regionen und von gewissen Akteuren immer wieder kritisiert und/oder als vorübergehende Ausnahmeregelung wahrgenommen (LCH 2003; Criblez 2003).

Es gibt jedoch verschiedene Hinweise darauf, dass die Fachmittelschule mit Berufsfeld und Fachmaturität Pädagogik als Zubringerin für die tertiäre Lehrkräfteausbildung auf Vorschul- und Primarstufe gegenüber dem gymnasialen ‘Königsweg’ zunehmend an Bedeutung gewinnt:

  • Das Berufsfeld und die Fachmaturität Pädagogik ist gesamtschweizerisch nicht nur gut institutionalisiert und wird häufig gewählt, die Fachmaturität wird im neuen Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz von 2011 im Gegensatz zum geltenden EDK-Anerkennungsreglement (EDK 1999) gegenüber der gymnasialen Maturität neu als gleichwertige Zugangsvoraussetzung genannt (HFKG 2011)
  • Des Weiteren zeigen die Hochschulstatistiken, dass immer mehr Studierende mit einer Fachmaturität Pädagogik in die Pädagogischen Hochschulen eintreten, und an manchen Pädagogischen Hochschulen (V/P) Inhaber/innen einer Fachmaturität über 50 Prozent der Studierenden ausmachen.

Das Ziel der Dissertation ist zu erklären, wie sich die Fachmittelschule mit Berufsfeld und Fachmaturität Pädagogik als Zubringerin zur tertiären Lehrkräfteausbildung auf Vorschul- und Primarstufe institutionalisieren konnte, und mit welchem spezifischen Profil sie sich heute gegenüber dem gymnasialen Weg positioniert.

Da aus soziologischer Perspektive sowohl Institutionalisierungsprozesse als auch das untersuchte Profil als Resultate von Aushandlungs- und Koordinationsprozessen zu verstehen sind, wird auf den theoretischen Rahmen der ‘Soziologie der Konventionen’ zurückgegriffen (Boltanski und Thévenot 2011). Dieser Ansatz geht davon aus, dass soziale Akteure in Koordinationssituationen Handlungen und Entscheidungen (wie beispielsweise über die Zulassung von Fachmaturand/innen zum PH-Studium), aber auch Personen (wie Lehrpersonen und Schüler/innen), Objekte und kognitive Formate (wie Lehrpläne, Bildungsziele oder –inhalte) mit Rückgriff auf sogenannte ‘(Qualitäts-)Konventionen’ im Sinne von kulturellen Wertigkeitsordnungen bewerten und legitimieren (Diaz-Bone 2015). Die Pluralität dieser Konventionen führt jedoch auch zu Konflikten und Widersprüchen, so dass ggf. Kompromisse eingegangen werden müssen (ebd.).

Für die Untersuchung des Institutionalisierungsprozesses der Fachmaturität Pädagogik werden zentrale bildungspolitische Papiere (EDK-Reglemente, Vernehmlassungsvorlagen, Stellungnahmen, EDK-Protokolle etc.) analysiert und Interviews mit im Prozess beteiligten Akteuren geführt.

Für die Frage nach der Profilierung werden in einer multiplen Fallstudie die beiden funktional äquivalenten Zugangswege Gymnasium und Fachmittelschule (sprach-)regional kontrastierend untersucht (Yin 2009). Als Datenquellen dienen Interviews mit Vertreter/innen relevanter Zielgruppen (Rektor/innen, Lehrpersonen und Schüler/innen) der beiden untersuchten Bildungspfade, sowie ergänzende Unterrichtsbeobachtungen. Zusätzlich werden Vertreter/innen der Bildungsverwaltung und PH-Studiengangsverantwortliche befragt und Dokumente wie Rahmenlehrpläne und Schulleitbilder analysiert.

Die Auswertung wird dem jeweiligen Datenmaterial angepasst und erfolgt interpretativ-rekonstruktiv vor dem erkenntnistheoretischen Hintergrund der Soziologie der Konventionen.

Literatur (Auswahl)

Babel, Jacques (2017): BFS aktuell: Szenarien 2016 – 2025 für die Lehrkräfte der obligatorischen Schule. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik..

Babel, Jacques; Gaillard, Laurent; Strübi, Pascal (2013): Szenarien 2013-2022 für das Bildungssystem. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

Boltanski, Luc; Thévenot, Laurent (2011): Die Soziologie der kritischen Kompetenzen. In: Rainer Diaz-Bone (Hg.): Soziologie der Konventionen. Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Campus, 43–68.

Criblez, Lucien (2003): Die Reform der Lehrerbildung in der Schweiz. In: Michael Sertl und Barbara Falkinger (Hg.): LehrerInnenbildung in Bewegung? Zur Reform der Pädagogischen Akademien. Wien: Schulhefte, 43–55.

Diaz-Bone, Rainer (2015): Die "Economie des conventions". Grundlagen und Entwicklungen der neuen französischen Wirtschaftssoziologie. Wiesbaden: Springer VS.

EDK (1999): Reglement über die Anerkennung von Hochschuldiplomen für Lehrkräfte der Vorschulstufe und der Primarstufe vom 10. Juni 1999.

Yin, Robert K. (2009): Case study research. Design and methods. 4th ed. Los Angeles, Calif.: Sage Publications.