Diagnostische Kompetenzen von Mathematiklehrpersonen in der Primarstufe: Förderung von Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern

Promovendin: Isabelle Gobeli
Gutachtende:
Prof. Dr. Helmut Linnweber-Lammerskitten, PH FHNW, Prof. Dr. Jiří Černý, Universität Basel, Prof. Dr. Günter Krauthausen, Universität Hamburg, Prof. Dr. Kathleen Philipp, PH FHNW
Laufzeit:
FS 2018 – HS 2021

Theoretische Verankerung
Im heutigen Schulunterricht gibt es vielfältige Situationen, in denen diagnostische Tätigkeiten von Lehrkräften notwendig sind. Während die Bedeutung der dafür erforderlichen Fähigkeiten für den Mathematikunterricht als hoch eingestuft wird, wird Lehrkräften eine unzureichende Ausbildung diagnostischer Kompetenzen bescheinigt. Um der damit verbundenen Forderung der Förderung dieser Kompetenzen nachzukommen, ist es notwendig, das Konstrukt „diagnostische Kompetenz“ bezogen auf den Mathematikunterricht zu konkretisieren.

Als diagnostische Kompetenz werden Fähigkeiten von Lehrpersonen verstanden, welche sie in die Lage versetzen, korrekte Urteile über Lernvoraussetzungen, Lernprozesse und Lernergebnisse von Lernenden zu treffen (z.B. Schrader, 2011). Um dieses Kernverständnis von diagnostischer Kompetenz herum finden sich unterschiedliche Forschungstraditionen. Zur Bedeutung diagnostischer Kompetenzen als wesentliche Facette professioneller Kompetenzen von Lehrkräften besteht ein breiter Konsens. Zu ihrer Wirkung, vermittelt über die adaptive Gestaltung von Lehr-Lernprozessen, gibt es empirische Belege (z.B. Anders et al., 2010), klare Befunde über die Genese solcher Kompetenzen oder die genauen Wirkmechanismen im Unterricht besitzen wir zurzeit jedoch nicht. Hingegen findet man viele Studien zur Struktur diagnostischer Kompetenzen.

Zur Untersuchung diagnostischer Kompetenz von (angehenden) Mathematiklehrpersonen soll im Rahmen der Promotion die Wahrnehmung von Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern gefördert werden.

Forschungsfrage
Wie kann der Prozess der Wahrnehmung, als Teilfacette diagnostischer Kompetenz, von Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern am Beispiel des Themas „Grössen und Sachrechnen“ bei angehenden Lehrpersonen gefördert werden?

Erwarteter Gewinn der Arbeit
Ziele des Promotionsprojektes sind einerseits die Entwicklung eines Trainings für angehende Lehrpersonen zur Förderung der Wahrnehmung von Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern, andererseits aber auch die Erfassung derselben um den Erfolg des Trainings überprüfen zu können.

Feldzugang und Methode für Datenerhebung und -auswertung
Im Rahmen einer Intervention soll in einem experimentellen Design ein Förderkonzept diagnostischer Kompetenz für die Lehrerausbildung konzipiert und eingesetzt werden. Exemplarisch wird dazu der Inhaltsbereich „Grössen und Sachrechnen“ gewählt. Der Umgang mit Grössen und Aufgaben mit Sachbezug gelten als wichtige Indikatoren für das Verständnis mathematischer Zusammenhänge und geben Hinweise auf den momentanen Entwicklungsstand eines Kindes.

Die Stichprobe bilden Studierende des Studiengangs Lehramt für die Primarstufe (pro Gruppe mindestens 100 Probanden). Im Promotionsprojekt soll die Wirkung des Förderkonzepts untersucht werden. Dazu wird ein Instrument zur Erfassung einer Teilfacette diagnostischer Kompetenz, die Wahrnehmung von Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern, entwickelt, das sowohl mit qualitativen als auch mit quantitativen Methoden ausgewertet werden soll. Hier sind Interviews (mit einer Teilstichprobe), aber auch schriftliche Tests angedacht. Eingesetzt wird der Test zu drei verschiedenen Messzeitpunkten: vor der Intervention, direkt danach und ein drittes Mal mit einem zeitlichen Abstand von ca. 6-8- Wochen. Anhand des Pre-Tests kann die Vergleichbarkeit der beiden Gruppen geprüft werden, die Wirksamkeit des Trainings und dessen Nachhaltigkeit können anhand der beiden Messungen nach der Intervention mittels Varianzanalyse untersucht werden. Vertiefend sollen, ebenfalls varianzanalytisch, Einflüsse auf diagnostische Kompetenz ausgewertet werden, z.B. der Einfluss fachlichen Wissens, das zum Thema „Grössen und Sachrechnen“ mit erhoben werden kann. Hierzu werden dann innerhalb der Experimentalgruppe Gruppen mit hohem vs. niedrigem Fachwissen gebildet. Sowohl das Trainingskonzept als auch die Erfassungsinstrumente werden pilotiert.

Literaturverzeichnis
Anders, Y., Kunter, M., Brunner, M., Krauss, S. & Baumert, J. (2010). Diagnostische Fähigkeiten von Mathematiklehrkräften und ihre Auswirkungen auf die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 57, 175-193.

Ball, D. L., Thames, M. H., & Phelbs, G. (2008). Content Knowledge for Teaching: What Makes It Special? Journal of Teacher Education (59), 389-407.

Klug, J., Bruder, S., Kelava, A., Spiel, Ch., & Schmitz, B. (2013). Diagnostic Competence of Teachers: A Process Model that Accounts for Diagnosing Learning Behavior Tested by Means of a Case Scenario. Teaching and Teacher Education, 30(2013), 38-46.

Leuders, T., Leuders, J. & Philipp, K. (Eds., 2018). Diagnostic Competence of Mathematics Teachers – Unpacking a complex construct in teacher education and teacher practice. Springer.

Philipp, K. (2018). Diagnostic Competences of mathematics teachers with a view to processes and knowledge resources. In T. Leuders, J. Leuders & K. Philipp (Eds.). Diagnostic Competence of Mathematics Teachers – Unpacking a complex construct in teacher education and teacher practice. Springer, 109-127.

Schrader, F.-W. (2011). Lehrer als Diagnostiker. In E. Terhart, H. Bennewitz, & M. Rothland (Eds.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf. Münster: Waxmann, 683-698.

Spinath, B. (2005). Akkuratheit der Einschätzung von Schülermerkmalen durch Lehrer und das Konstrukt der diagnostischen Kompetenz. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 19, 85- 95.

Südkamp, A., Kaiser, J., & Möller, J. (2012). Accuracy of teachers’ judgments of students’ academic achievement: A meta-analysis. Journal of Educational Psychology, 104(3), 743–762.