Ein reflexiv-machtkritischer Forschungszugang für die Hochschuldidaktik: Lehr- und Lernprozesse aus der Sicht von Hochschullehrenden im Fokus einer intersektionalen Analyse

Promovierende: Andrea Gerber, andrea.gerber@fhnw.ch
Keywords:
Hochschullehrende, Hochschuldidaktik, Diversität, Intersektionalität, Gender Studies, qualitative Forschung
Erstbetreuerin:
Prof. Dr. Katrin Kraus, Prof. Dr. Andrea Maihofer
Laufzeit:
HS/2017- HS/2021

Die Handlungslogik von Hochschulen folgt traditionell den Prinzipien der Gleichheit der Studierenden und der Förderung von Exzellenz. Die Durchlässigkeit im Bildungssystem, die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention sowie die Internationalisierung von Hochschulen haben in den letzten Jahren zu einer vermehrten Auseinandersetzung mit der Diversität der Studierenden in Studium und Lehre beigetragen (Rheinländer 2015). Daraus ergeben sich Spannungsfelder, die sich in Anforderungen für die Hochschulen und im Speziellen für Hochschullehrende, als zentrale Gestaltende von Lehr- und Lernprozessen, manifestieren. Die Weiterqualifizierung der Hochschullehrenden wird immer deutlicher gefordert.

Es gibt jedoch kaum Erkenntnisse darüber, wie Hochschullehrende die Diversität der Studierenden wahrnehmen, und wie das Zusammenspiel von subjektiven Wahrnehmungen und hochschuldidaktischem Handeln funktioniert (Rheinländer 2015). Diese Erkenntnisse sind jedoch zentral, wenn Weiterbildungsangebote für Hochschullehrende auf einer empirischen Basis entwickelt werden sollen.

Mit diesem Dissertationsprojekt wird Hochschulforschung an der Schnittstelle von Bildungsforschung und Gender Studies betrieben und orientiert sich an folgenden Fragestellungen:

Wie wird Diversity in Lehr- Lernsituationen von Hochschullehrenden subjektiv gedeutet? Welche (hochschuldidaktischen) Handlungsstrategien wählen Hochschullehrende im Umgang mit Diversity aus und welche Herausforderungen erleben sie? Was lässt sich anhand der Subjektkonstruktionen darüber aussagen, welche Bedeutung soziale Ungleichheit für die Hochschullehre hat? Welche Handlungserweiterungen lassen sich für die Hochschuldidaktik ableiten, um Hochschullehrende zu unterstützen?

Für das Projekt sind drei Diskurslinien in Bezug auf die Diversität von Studierenden zentral: Diversity-Ansätze (z.B. Krell et al. 2007), der Ansatz der Intersektionalität (z.B. Crenshaw 1989) und der Ansatz der lernrelevanten Diversität (z.B. Kreft/Leichsenring 2012). Mit den Diskurslinien wird dargestellt, wie Diversität bzw. Gleichheit und Differenz durch Hochschullehrende (de)konstruiert werden. Insbesondere die Analyse und Reflexion von sozialen Ungleichheiten und Machtkonstellationen werden in diesem Projekt in den Mittelpunkt gestellt.

Auf der Ebene der Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen ist ein bewusster Umgang mit Diversität für Hochschulen noch ein jüngeres Handlungs- und Forschungsfeld. Es existieren bis anhin kleinere Projekte und normativ-praktische Zugänge, wie z.B. Online Tools. Die Schulpädagogik, und insbesondere die Integrations- und später die Inklusionspädagogik (z.B. Hinz 2002), haben wichtige Grundlagen erforscht, die für den theoretisch-empirischen Rahmen dieser Arbeit genutzt werden können: Prinzipien wie z.B. die Individualisierung und die innere Differenzierung sind für die Teilhabe an Lernprozessen zentral. Die Erwachsenenbildung kennt mit dem Prinzip der Teilnehmendenorientierung eine anschlussfähige Maxime für einen Umgang mit Vielfalt.

Lehrhandeln ist hochgradig von individuellen Annahmen über Lehre und Lernen gekennzeichnet. Lehrüberzeugungen (teacher beliefs) wird dabei eine hohe Filterfunktion für die Auswahl von Lehrstrategien zugesprochen (Reusser/Pauli 2014; Trautwein 2014). Forschungsresultate im Bereich Lehrüberzeugungen bilden einen weiteren theoretischen Rahmen dieser Arbeit.

Es wird ein qualitativer Forschungszugang gewählt, der sowohl Offenheit wie auch Prozesshaftigkeit zulässt. Der Forschungsstil folgt der Logik der Grounded-Theory-Methodologie (Strauss/Corbin 1996). Die Stichprobe wird aus Hochschullehrenden, die an Schweizerischen (Fach)Hochschulen lehren, zusammengesetzt. Die Erhebung mit Problemzentrierten Interviews (Witzel 1985) ermöglicht, Handlungs- und Bewusstseinsaspekte der interviewten Hochschullehrenden zu erfassen. Das Auswertungsverfahren orientiert sich an der Intersektionalen Mehrebenenanalyse nach Winker/Degele (2009). Die Chance dieses Zugangs besteht darin, die Komplexität von Differenzkonstruktionen zu durchleuchten und Selbstverständlichkeiten bzw. hegemoniale Differenzordnungen und Machtkonstellationen zu analysieren und zu hinterfragen und zwar auf der Ebene von Sozialstruktur, Identitätskonstruktion und kulturellen Repräsentationen (a.a.O.)

Literatur
Crenshaw, Kimberlé (1989). Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. University of Chicago Legal Forum, 1 (8). S. 139-167.

Hinz, Andreas (2002). Von der Integration zur Inklusion - terminologisches Spiel oder konzeptionelle Weiterentwicklung? Zeitschrift für Heilpädagogik 53, S. 354-361.

Kreft, Anne-Kathrin/Leichsenring, Hannah (2012). Studienrelevante Diversität in der Lehre. In: Klein, Uta/Heitzmann, Daniela (Hg.). Hochschule und Diversity. Theoretische Zugänge und empirische Bestandsaufnahme. Weinheim/Basel: Juventa. S. 145-163.

Krell, Gertraude et al. (2007) (Hg.). Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze. Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Reusser, Kurt/Pauli, Christine (2014). Berufsbezogene Überzeugungen von Lehrerinnen und Lehrern. In: Terhart, Ewald/Bennewitz, Hedda/ Rothland, Martin (Hg.)Handbuch der Forschung zum Lehrberuf. 2. Überarbeitete Aufl. Münster/New York: Waxmann. S. 642-661.

Rheinländer, Kathrin (2015) (Hg.). Ungleichheitssensible Hochschullehre. Positionen, Voraussetzungen, Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS.

Strauss, Anselm/Corbin, Juliet (1996). Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Trautwein, Caroline (2014). Struktur akademischer Lehrkompetenz und lehrebezogene Entwicklungsprozesse. Dissertation. URL: http://d-nb.info/1053979177/04

Winker, Gabriele/Degele, Nina (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheit. Bielefeld: transcript.

Witzel, Andreas (1985). Das Problemzentrierte Interview. In: Jüttemann, Gerd (Hg.): Qualitative Forschung in der Psychologie : Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder. Weinheim: Beltz.

Andrea Gerber