Fachmittelschule mit Berufsfeld Gesundheit und berufliche Grundbildung Fachfrau/-mann Gesundheit im Vergleich: Dynamiken der Profilierung und Positionierung zweier funktional äquivalenter Ausbildungsprogramme auf der Sekundarstufe II.

Promovierende: Raffaella Esposito, raffaellasimona.esposito@fhnw.ch
Keywords: Gesundheitsausbildungen; FaGe; Fachmittelschule; Positionierung;
Profilierung; Wertigkeit; Soziologie der Konventionen; Case Study
Gutachtende: Prof. Dr. Regula Julia Leemann, Prof. Dr. Christan Imdorf, Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder
Laufzeit: 03/2016 - 02/2019

Gesellschaft und Arbeitsmarkt haben angesichts des Mangels an qualifizierten Fachkräften im Gesundheitswesen einen grossen Bedarf an gut ausgebildetem und qualifiziertem Nachwuchs auf allen Bildungsstufen (SBFI, 2016). Gemäss neuesten Prognosen beläuft sich der durchschnittliche jährliche Nachwuchsbedarf tertiär ausgebildeter Pflegefachpersonen bis 2030 auf knapp 3'200 (Merçay, Burla & Widmer, 2016).

Das Schweizer Bildungssystem bietet auf der Sekundarstufe II für den Bereich Gesundheit zwei parallele Ausbildungsprogramme: die 2002 geschaffene berufliche Grundbildung Fachfrau/-mann Gesundheit (FaGe) sowie die 2004 eingeführte Fachmittelschule mit Berufsfeld Gesundheit (FMS Gesundheit). Beide Abschlüsse eröffnen dieselben Zugangsberechtigungen zu den nicht-universitären tertiären Gesundheitsberufen.

Während im Diskurs über die Deckung des Fachkräftebedarfs immer wieder auf das Potenzial und auf eine Stärkung der beruflichen Grundbildung FaGe verwiesen wird, bleibt es diesbezüglich – mit Ausnahme des Abschlussberichts zum Masterplan Bildung Pflegeberufe – relativ still um die FMS Gesundheit (Dolder & Grünig, 2016; Merçay et al., 2016; SBFI, 2016). Dies obwohl die FMS Gesundheit aufgrund ihres nicht berufsbefähigenden Abschlusses ihre Absolventen/-innen strukturell in die Tertiärstufe führt. Es stellt sich die Frage, weshalb die FMS Gesundheit in diesen Diskursen trotz ihres Potenzials, den Nachwuchspool für nicht-universitäre tertiäre Gesundheitsberufe mit aufzubauen, nicht durchgängig thematisiert wird.

Der Forschungsstand zeigt, dass die beiden Ausbildungsprogramme in einem komplexen und von Dynamiken der Konkurrenz geprägten Verhältnis stehen (Capaul & Keller, 2014). Die Legitimation der FMS Gesundheit wird aufgrund der höheren Kosten für die Kantone, ihrer berufsvorbereitenden Funktion (Kiener, 2004) und der funktionalen Äquivalenz zur beruflichen Grundbildung FaGe (Capaul & Keller, 2014) immer wieder fundamental in Frage gestellt. Die FMS Gesundheit sieht sich daher gegenüber der beruflichen Grundbildung FaGe in einer ständigen Situation der Rechtfertigung, in welcher sie sich abgrenzend positionieren und hierfür ihr Profil klären muss.

Ziel des Dissertationsvorhabens ist es, die beiden funktional äquivalenten Ausbildungsprogramme FMS Gesundheit und berufliche Grundbildung FaGe mit Blick auf die Dynamiken ihrer Profilierung und Positionierung vergleichend zu untersuchen. Folgende übergeordnete Fragestellung steht im Zentrum:

Welche Dynamiken kennzeichne(te)n die Profilierung und Positionierung der beiden parallelen und funktional äquivalenten nachobligatorischen Ausbildungsprogramme FMS Gesundheit und berufliche Grundbildung FaGe im Kontext der sich formierenden Sekundarstufe II des Schweizer Bildungssystems in den letzten beiden Jahrzehnten?

Als theoretischer Hintergrund dient der Ansatz der Soziologie der Konventionen (Boltanski & Thévenot, 1999), welcher das Handeln und damit auch Entscheidungen von Akteuren in Situationen der Koordination, Legitimation oder Evaluation auf Rechtfertigungs- bzw. Wertigkeitsordnungen (Boltanski & Thévenot, 1999), sogenannte "Qualitätskonventionen" (Eymard-Duvernay, 1989) zurückführt.

Das vorliegende Dissertationsvorhaben basiert auf einem interpretativ-vergleichenden multiplen Fallstudiendesign (Yin, 2009). Relevante Analyseeinheit sind vier Kantone aus unterschiedlichen Sprachregionen. Als Datenquellen dienen Experteninterviews mit relevanten Akteuren, Feldbegehungen sowie eine Analyse zentraler Dokumente. Analysiert werden die Daten anschliessend auf der erkenntnistheoretischen Folie der Soziologie der Konventionen.

Mit diesem Dissertationsprojekt werden empirisch gestützte Daten für ein zukunftsfähiges und wichtiges, jedoch kaum untersuchtes Ausbildungsprogramm der Sekundarstufe II generiert. Die Ergebnisse werden deutlich machen, weshalb die FMS Gesundheit als zukunftsfähiges Ausbildungsprogramm vor allem in der Deutschschweiz bildungspolitisch bislang wenig Anerkennung findet sowie durch welche Wertigkeit es sich im Vergleich zur beruflichen Grundbildung FaGe auszeichnet.

 

Literatur

Boltanski, L. & Thévenot, L. (1999). The Sociology of Critical Capacity. European Journal of Social Theory 2(3), 359-377.

Capaul, R. & Keller, M. (2014). Evaluation des Lehrgangs Fachmittelschule im Kanton St. Gallen. Universität St. Gallen, Institut für Wirtschaftspädagogik.

Diaz-Bone, R. (2015). Die „Economie des conventions”. Grundlagen und Entwicklungen der neuen französischen Wirtschaftssoziologie. Wiesbaden: Springer VS.

Dolder, P. & Grünig, A. (2016). Nationaler Versorgungsbericht für die Gesundheitsberufe 2016. Bern: GDK und OdASanté.

Eymard-Duvernay, F. (1989). Conventions de qualité et formes de coordination. Revue économique 40(2),329-359.

Kiener, U. (2004). Vier Fallstudien schweizerischer Berufsbildungspolitik. Kiener Sozialforschung.

Merçay, C., Burla, L. & Widmer, M. (2016). Gesundheitspersonal in der Schweiz. Bestandsaufnahme und Prognosen bis 2030. (Obsan Bericht 71). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

SBFI Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2016). Schlussbericht Masterplan Bildung Pflegeberufe. Download am 26.09.2016 unter www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/42819.pdf.

Yin, R. (2009). Case Study Research. Design and Methods. Thousand Oaks: Sage.

 

 

Raffaella Esposito

Raffaella Esposito