Lehrerkooperation und Schule als Organisation

Promovierende: Cornelia Dinsleder, cornelia.dinsleder@unibas.ch
Keywords: Diskursive Praktiken, Lehrerkooperation,  Gouvernementalität, Professionalisierung
Gutachtende: Prof. Dr. Daniel Wrana, Prof. Dr. Martin Lengwiler, Prof. Dr. Czejkowska
Laufzeit: HS 2015 – FS 2019

Das Diskursfeld zur Lehrerkooperation ist durch ein „Bild von Machbarkeit“ (Reh 2008: 168) charakterisiert: Je mehr und je intensiver kooperiert wird, desto mehr gelingt Schule bzw. verbessern sich Unterricht und pädagogisches Programm. Für eine erfolgreiche bzw. scheiternde Schulentwicklung werden u.a. kooperierende bzw. nicht richtig kooperierende Lehrer*innen als Vereantwortliche konstruiert. Deshalb fragte z.B. Steinwand (2012), ob nur als guter Lehrer oder gute Lehrerin jemand gelten kann, der/die sich mit Überzeugung kontinuierlich kooperierend an einem Optimierungsprozess bezogen auf die Schule, den Unterricht und die eigene Professionalität beteiligt (vgl. dazu auch Lehmann-Rommel 2004f).

Lehrerkooperation avancierte zum Allheilmittel: Lehrerkooperation erhielt für die Schulentwicklung, Professionalisierung (vgl. Baum/Idel/Ullrich 2012) und als Möglichkeit der Reduktion von Belastungserleben Bedeutung, unterstützt bei der Realisierung neuer Steuerung oder wird aktuell als Schlüssel für die inklusive Schule diskutiert. Konstant blieb die Feststellung der Kluft zwischen der Forderung nach mehr Lehrerkooperation und der fehlenden praktischen Umsetzung in den Schulen, was zu den Hauptaussagen von wissenschaftlichen Publikationen gehört (vgl. Fussangel/Gräsel 2014).

Ziel dieser Dissertation ist es nicht, weitere Argumente für die Notwendigkeit von mehr Lehrerkooperation zu liefern und Modelle ihrer Umsetzung zu bewerten bzw. neue vorzulegen. Das Forschungsvorhaben reflektiert die Herausbildung der Debatten im wissenschaftlichen Feld und analysiert auch das praktische Sprechen von Lehrer*innen und Schulleiter*innen über Kooperationsformen aus fünf österreichischen Sekundarschulen in Interviews. In dieser Forschungsarbeit wird das Gegenstandsfeld der Lehrerkooperation im Zeitraum der 1980er Jahren bis zum 21. Jahrhundert untersucht. Durch die Analyse diskursiver Praktiken (Foucault 1981) schliesse ich an einen erziehungswissenschaftlichen Zugang der Diskursforschung an (Wrana 2006, Langer 2008; Ott 2011), die nicht nur grossflächige diskursive Formationen von eingegrenzten Textkorpora analysiert, sondern auch die Mikroebene der Diskurse in den Blick nimmt und sich dafür interessiert wie sich „der Diskurs“ im Gebrauch transformiert. Die Analyse diskursiver Praktiken ist verbunden mit einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive (Foucault 2004), die Formen der Steuerung von Institutionen, wie der Schule und bis hin zu den einzelnen Subjekten reflektiert (Dzierzbicka 2006).

Meine Fragestellung interessiert sich für Positionierungen von Lehrer*innen und Schulleiter*innen als Kooperierende bzw. Nicht-Kooperierende in Interviews über Lehrerkooperation: Wie subjektivieren sich Lehrer*innen und Schulleiter*innen als Professionelle durch Positionierungen zur Lehrerkooperation innerhalb von Wissensfeldern der Schulentwicklung und Professionalisierung? Es wird genauer beobachtet, wie Lehrerkooperation als Facette des professionellen Handelns von Lehrer*innen das Verständnis von Professionalität mitkonfiguriert.

 Die Bedeutsamkeit einer möglichst erfolgreichen, sich (durch ein kooperativ arbeitendes Lehrerkollegium) optimierende Einzelschule steigt und steht auch mit der Konzeption der Professionalität von Lehrer/-innen in Verbindung. Lehrerkooperation schien in den 1980er Jahren als ein Vehikel der Schulentwicklung in wissenschaftlichen Publikationen auf (Rolff 1995). Die bürokratische Organisationsumwelt wurde so gefasst, dass sie zwar für das Erreichen der institutionalisierten pädagogischen Praxis nicht hintergehbar ist, jedoch vielmehr eine Antinomie als ein Ineinander-Greifen zu sein vermochte. Mit der Schulautonomisierung verlagerte sich die Verantwortung für den Leistungserfolg auf die die einzelnen Schulen: auf die Einzelschule als erfolgreiche Steuerungseinheit (Dezentralisierung der Steuerung) und somit auch auf die Lehrer*innen und Schulleiter*innen als für ihre Professionalisierung selbstverantwortliche und für den Erfolg der Organisation Schule zunehmend Mitverantwortliche. Damit kann eine Verschränkung von der Organisation der Einzelschule und der Ausrichtung von Professionalisierung beobachtet werden. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich durch diese Verschränkung professionsbezogene Autonomie organisationsbezogenen Erfordernissen unterordnet bzw. Transformationen in Bezug auf das Profil der Professionalität von Lehrer*innen stattfinden.

Literatur:
Baum, E./Idel, T.-S./Ullrich, H.  (2012) (Hg.): Kollegialität und Kooperation in der Schule. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. Wiesbaden: VS Verlag.

Dzierzbicka, A. (2006): Vereinbaren statt anordnen. Neoliberale Gouvernementalität macht Schule, Wien: Löcker.

Foucault, M. (2004): Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit – Territorium – Bevölkerung. Vorlesungen am Collège de France 1977 – 1978. Frankfurt a. M. Suhrkamp.

Foucault, M. (1981): Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Fussangel, K./Gräsel, C. (2014): Forschung zur Kooperation im Lehrberuf. In: Terhart, E./Benne- witz, H./Rothland, M. (Hg.): Handbuch der Forschung zum Lehrberuf. 2. übearb. Auflage. Müns- ter: Waxmann, S. 846 – 864.

Langer, A. (2008), Disziplinieren und Entspannen. Körper in der Schule – eine diskursanalytische Ethnographie, Bielefeld: transcript.

Lehmann-Rommel, R. (2004): Partizipation, Selbstreflexion und Rückmeldung: gouvernementale Regierungspraktiken im Feld Schulentwicklung. In Ricken, N./Rieger-Ladich, M. (Hg.): Michel Foucault: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: VS Verlag, S. 261 – 283.

Ott, M. (2011): Aktivierung von (In-)Kompetenz. Praktiken im Profiling – eine machtanalytische Ethnographie, Konstanz: UVK.

Reh, S. (2008): „Reflexivität der Organisation“ und Bekenntnis Perspektiven der Lehrerkoopera- tion. In: Helsper, W., Busse, S., Hummrich, M., Kramer, R.-T. (Hrsg.): Pädagogische Professio- nalität in Organisationen. Neue Verhältnisbestimmungen am Beispiel der Schule. Wiesbaden. S. 163–183.Rolff, H.-G. (1995): Wandel durch Selbstorganisation: theoretische Grundlagen und praktische Hinweise für eine bessere Schule. Weinheim: Beltz.

Steinwand, J. (2012): Kooperierende Lehrerinnen und Lehrer. In: Huber, S. G./Ahlgrimm, F. (Hg.): Kooperation. Aktuelle Forschung zur Kooperation in und zwischen Schulen sowie mit anderen Partnern. Waxmann.

Wrana, D. (2006): Das Subjekt schreiben. Reflexive Praktiken und Subjektivierung in der Weiterbildung – eine Diskursanalyse. Baltmannsweiler: Schneider.

Wrana, D. (2012): Diesseits von Diskursen und Praktiken. Methodologische Bemerkungen zu einem Verhältnis. In: Friebertshäuser, Barbara / Kelle, Helga / Boller, Heike / Bollig, Sabine / Huf, Christina / Langer, Antje / Ott, Marion / Richter, Sophia (Hrsg.): Feld und Theorie. Herausforderungen erziehungswissenschaftlicher Ethnographie. Opladen: Budrich, 185–200.