Kooperieren Lehrpersonen zu wenig? Eine Analyse diskursiver Praktiken zur Kooperation unter Lehrpersonen

Promovierende: Cornelia Dinsleder, cornelia.dinsleder@unibas.ch
Keywords: Diskursive Praktiken, Lehrerkooperation, Profession, Gouvernementalität, Governance, Professionalisierung
Gutachtende: Prof. Dr. Daniel Wrana, Zweitgutachtende folgt
Laufzeit: 2015 – ?

Mein Erkenntnisinteresse liegt in der Frage, wie es dazu gekommen ist, dass sich ein "Kooperationsimperativ" für die Profession der Lehrerinnen und Lehrer (Steinert et al. 2006, Terhart/Klieme 2006, MaagMerki/Steinert 2009, Baum/Idel/Ullrich 2012, Huber/Ahlgrimm 2012, Fussangel/Gräsel 2014) formiert hat und wie dieser die (Re-)Produktion professioneller Selbstverständnisse bei Lehrer/-innen und Schulleiter/-innen  hervorbringt. Diese Forschungsarbeit analysiert eine eher normativ geführte Diskussion und Produktion von Wissen, das die postulierte Wichtigkeit der Veränderung der Schule und der Lehrerprofession (vgl. Hargreaves 1994) durch ein „Mehr an Lehrerkooperation“ bekräftigt (Steinwand 2012, Bondorf 2013: 18)  und empirische Daten, die aus einer interviewbasierten Ethnographie in mehreren Schulen gewonnen wurde.

Das Professionsverständnis von Lehrerinnen und Lehrern ist mit vielfältigen Veränderungsanforderungen konfrontiert - insbesondere hinsichtlich der erhöhten Bedeutsamkeit der Organisationsentwicklung der Einzelschule (Fend 1986, Rolff 1995, Schratz/Steiner-Löffler 1998, Esslinger 2002) sowie aktuell ihrer Steuerung unter dem Stichwort der Governance-Forschung (Altrichter/Maag Merki 2016, Dedering 2012). Im Feld der schulpädagogischen Forschung werden seit den 1990er Jahren verstärkt Studienergebnisse und Argumentationen eingebracht, die Kritik an der Figur der Lehrerin oder des Lehrers als Einzelkämper/-in üben und das kooperative Arbeiten unter Lehr/-innen besonders hinsichtlich Schulentwicklung fordern bzw. positive Auswirkungen für eine „effektive Schule“ konstatieren (Roth 1994, Scheerens/Bosker 1997, Boller 2009).

Folgende Fragen sind für die Forschungsarbeit relevant: Weshalb ist es notwendig geworden, dass Lehrer/-innen (mehr) kooperieren? Wie lässt sich die Verschiebung der Konzeption professionellen Handelns, die Lehrerkooperation als Dimension ihrer Professionalität fasst in einer systematischen Analyse der Diskurse der letzten Jahrzehnte sowie in der Analyse von Interviews mit Lehrer/-innen und Schulleiter/-innen  differenziert fassen? Die Tatsachenbekräftigung der Produktivität des Kooperierens in Bezug auf Schule und Lehrerprofession wird durch die Theorieperspektive der Gouvernementalität (Foucault 2004) reflexiv in den Blick genommen.

Der Begriff der Gouvernementalität wurde von Foucault (2004, Lemke 1997) entwickelt. Das Konzept der Gouvernementalität wird in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion zunehmend rezipiert (vgl. Dzierzbicka 2006, Wrana 2006, Kessl 2005, Angermüller/van Dyk 2010, Ott/Wrana 2010).  Gouvernementalität verbindet "Regieren (gouverner) und Denkweise (mentalité)" miteinander. Die Theorieperspektive der Gouvernementalität hält analytische Kategorien bereit, um gesellschaftliche Steuerungslogiken und ihre historische Gewordenheit (bzw. auch ihre Kontingenz) zu untersuchen. Die theoretische Perspektive unterstützt auch dabei, zu verstehen, wie sich die Institution Schule sowie die Profession der Lehrer/-innen innerhalb von gouvernementalen Praktiken verändert, um „Machtverhältnisse und –mechanismen dort erkennbar zu machen, wo sie eine Rhetorik verwenden, die mit Begriffen wie ‚Autonomie‘, ‚Selbstverantwortung‘, ‚Selbstbestimmung‘ etc. arbeitet.“ (Rothe 2011: 138 f., vgl. dazu auch Pongratz 2004).

Die Forderung nach mehr oder intensiverer Kooperativität bei Lehrer/-innen werden in den vergangenen Jahrzehnten bis heute durch zwei markante diskursive Manöver produziert: Erstens durch normative Setzungen, die zur „Entwicklung“ der Schule und der Profession aufrufen und zweitens durch das Argument der Wirksamkeit. Der Zugriff der Verbesserung des professionellen Handelns wird immer weniger über Schulreformen durch personalisierte bildungspolitische Akteure gesetzt, sondern verlagert sich auf „objektives“ Wissen über Leistungen oder Fehlleistungen der jeweiligen Schulen oder auch der Lehrer/-innen.

Grundlage der Analyse bilden Publikationen von den 1960er Jahren bis 2016, zur Lehrerinnenkooperation sowie Interviews mit Lehrer/-innen und Schulleiter/-innen von vier Schulen der Sekundarstufe. Für die empirische Analyse sind folgende Fragen besonders bedeutsam: Wie sprechen Lehrerinnen und Lehrer über die Relevanz von Zusammenarbeit im Lehrerinnenkollegium in Bezug auf ihr berufliches Handeln? Welche Rolle spielen Dimensionen der sich verändernden Organisation von Schule bei Schulleiter/-innen und Lehrer/-innen? Meine Forschungsarbeit basiert auf einer ethnographischen Diskursanalyse (Langer 2008). Damit schliesse ich an einen aktuellen erziehungswissenschaftlichen Zugang der Diskursforschung an, der durch eine pragmatische Wendung nicht „Diskurse“, sondern diskursive Praktiken untersucht (Wrana 2012, Langer 2008,  Ott 2011)

Literatur
Ahlgrimm, F./Krey, J./Huber, S. G. (2012): Kooperation - was ist das? Implikationen unterschiedlicher Begriffsverständnisse. In:  Huber, S./Ahlgrimm, F. (Hg.): Kooperation: Aktuelle Forschung zur Kooperation in und zwischen Schulen sowie mit anderen Partnern. Münster [u.a.]: Waxmann, S. 17–29.

Altrichter, H./ Maag Merki, K.  (2016) (Hg.): Handbuch neue Steuerung im Schulsystem. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer.
Angermüller, J. / van Dyk, S. (Hrsg.) (2010): Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung. Perspektiven auf das Verhältnis von Subjekt, Sprache, Macht und Wissen. Frankfurt/M.: Campus.

Baum, E./Idel, T.-S./Ullrich, H.  (2012) (Hg.): Kollegialität und Kooperation in der Schule. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. Wiesbaden: VS Verlag.

Boller, S. (2009): Kooperation in der Schulentwicklung. Interdisziplinäre Zusammenarbeit in Evaluationsprojekten. Wiesbaden: VS Research.

Bondorf, N. (2013): Profession und Kooperation. Eine Verhältnisbestimmung am Beispiel Lehrerkooperation. Springer Verlag.
Dzierzbicka, A. (2006): Vereinbaren statt anordnen. Neoliberale Gouvernementalität macht Schule, Wien: Löcker.

Esslinger, I. (2002): Berufsverständnis und Schulentwicklung: Ein Passungsverhältnis? Bad Heilbrunn.

Fend, H.(1986): Gute Schulen – schlechte Schulen. Die einzelne Schule als pädagogische Handlungseinheit. In: Die Deutsche Schule 82(3), S. 275 – 293.

Foucault, M. (2004): Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit – Territorium – Bevölkerung. Vorlesungen am Collège de France 1977 – 1978. Frankfurt a. M. Suhrkamp [Orig. 1977/78].

Foucault, M. (1981): Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Fussangel, K./ Gräsel, C. (2014): Forschung zur Kooperation im Lehrerberuf. In Ewald Terhart, Hedda Bennewitz & MartinRothland (Hrsg.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf.2. erw. und überarb. Aufl., Münster: WaxmannS. 846-864.

Hargreaves, A. (1994): Changing teachers, changing times: Teachers‘ work and culture in the postmodern age. London. Cassell.

Idel, T.-S./Ulrich, H./Baum, E. (2012): Kollegialität und Kooperation in der Schule – Zur Einleitung in diesen Band. In: Baum, E./Idel, T.- S./Ullrich, H. (Hg.): Kollegialität und Kooperation in der Schule. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. Wiesbaden: VS Verlang, S. 9 – 28.

Kessl, F. (2005): Der Gebrauch der eigenen Kräfte. Eine Gouvernementalität sozialer Arbeit, Weinheim/München: Juventa.

Langer, A. (2008), Disziplinieren und Entspannen. Körper in der Schule – eine diskursanalytische Ethnographie, Bielefeld: transcript.

Lemke, T. (1997): Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Hamburg: Argument.

MaagMerki, K./Steinert, B. (2009): Kooperation zwischen Lehrpersonen und Schulen. Empirische Analysen und offene Forschungsfragen. In: Beiträge zur Lehrerbildung (3) Heft 27.

Massenkeil, J./Rothland, M. (2016): Kollegiale Kooperation im Lehrberuf. Überblick und Systematisierung aktueller Forschung. In: Schulpädagogik (7) 13. k. S.

Ott, M. (2011), Aktivierung von (In-)Kompetenz. Praktiken im Profiling – eine machtanalytische Ethnographie, Konstanz: UVK.

Ott, M. / Wrana, D. (2010): Gouvernementalität diskursiver Praktiken. Zur Methodologie der Analyse von Machtverhältnissen am Beispiel einer Maßnahme zur Aktivierung von Erwerbslosen. In: Angermüller, Johannes / Dyk, Silke van (Hrsg.): Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung. Perspektiven auf das Verhältnis von Subjekt, Sprache, Macht und Wissen. Frankfurt/M.: Campus, 155–182.

Pongratz, L. (2004): Freiwillige Selbstkontrolle. Schule zwischen Disziplinar- und Kontrollgesellschaft. In: Ricken, Norbert/Rieger-Ladich, Markus (Hg.), Michel Foucault: Pädagogische Lektüren, Wiesbaden: VS, S. 243-259.

Rolff, H.-G. (1995): Wandel durch Selbstorganisation: theoretische Grundlagen und praktische Hinweise für eine bessere Schule. Weinheim: Beltz.

Rothe, D. (2011): Lebenslanges Lernen als Programm: Eine diskursive Formation in der Erwachsenenbildung. Frankfurt/M.: Campus.

Scheerens, J., Bosker, R. J. (1997): The foundations of educational effectiveness. Oxford.

Schmidt, M. (2016): "Ich denke, wir sind hier eine gute Schule, die immer schon vorangeschritten ist...". Zur Produktivität der Unbestimmtheit von 'Qualität' für Artikulationen der Wirksamkeit von Schulinspektion, in: Schulpädagogik heute (7) 13.

Schratz, M.l/Steiner-Löffler, U. (1998): Die lernende Schule. Arbeitsbuch pädagogische Schulentwicklung. Beltz: Weinheim und Basel.

Steinert, B. et al (2006): Lehrerkooperation in der Schule:Konzeption, Erfassung, Ergebnisse. In: Zeitschrift für Pädagogik. Jahrgang 52 – Heft 2.

Steinwand, J. (2012): Kooperierende Lehrerinnen und Lehrer. In: Huber, S. G./Ahlgrimm, F. (Hg.): Kooperation. Aktuelle Forschung zur Kooperation in und zwischen Schulen sowie mit anderen Partnern. Waxmann.

Terhart, E./Klieme, E. (2006): Kooperation im Lehrerberuf – Forschungsproblem und Gestaltungsaufgabe. Zur Einführung in den Thementeil. In: Zeitschrift für Pädagogik (52. Jg.) H. 2/2006: 163-166.

Wrana, D. (2006): Das Subjekt schreiben. Reflexive Praktiken und Subjektivierung in der Weiterbildung – eine Diskursanalyse. Baltmannsweiler: Schneider.

Wrana, D.l (2012): Diesseits von Diskursen und Praktiken. Methodologische Bemerkungen zu einem Verhältnis. In: Friebertshäuser, Barbara / Kelle, Helga / Boller, Heike / Bollig, Sabine / Huf, Christina / Langer, Antje / Ott, Marion / Richter, Sophia (Hrsg.): Feld und Theorie. Herausforderungen erziehungswissenschaftlicher Ethnographie. Opladen: Budrich, 185–200.