Der elektronische Schulmeister: Die Lernmaschinendebatte in der Schweiz in den 1960er- und 70er-Jahre

Promovierender: Daniel Deplazes, d.deplazes@unibas.ch
Keywords: Lernmaschinen, Kybernetik, Utopien, Lernprozesse, Unterrichtsmedien, Diskursanalyse, Programmierter Unterricht, Militär, Sprachlabore, Berufsbildung
Gutachtende
: Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof. Dr. Patrick Bühler
Laufzeit:
HS17–HS22

Thematische Einordnung
Das Promotionsvorhaben beschäftigt sich mit ,Lernmaschinen‘, welche in den 1960er- und 70er-Jahren auch in der Schweiz debattiert wurden. Es handelte sich um Maschinen, welche mittels kleinschrittigen Frage-Antwort-Programmen Lernprozesse rationalisieren sollten (Zabel 2015, 123). Es wurde davon ausgegangen, dass die ,Lernmaschinen‘ die Schule revolutionieren würden. Abgesehen von einigen Ausnahmen (Sprachlabor, Flugsimulator) verschwanden die Apparate Ende der 70er-Jahre wieder. Die den ,Lernmaschinen‘ zugrundeliegende Theorie war die Kybernetik (Hoffmann-Ocon/Horlacher 2015, 154). In den Schulen manifestierte sich die kybernetische Pädagogik als ,Programmierter Unterricht‘. Dieser Programmatik folgend entstanden Lehrmittel, Sprachlabore, Schulfernsehen und erste ,Lernmaschinen‘. Hersteller wie Siemens oder IBM entwickeln die Maschinen, welche das Lernen der Kinder prägen sollen. Utopische Visionen entstehen, wie die künftige „seelenlose“ Schule gestaltet sein wird.

Relevanz
Die Analyse des „Scheiterns“ dieser Bildungsreform um ,Lernmaschinen‘ könnte zu einem tieferen Verständnis beitragen, weshalb konstruktivistische Lernparadigmen populär wurden. Ausserdem scheint sich der alte Wunsch nach Steuerbarkeit von Bildungsprozessen in diesem Fall mittels kybernetischer Modelle von Input, Output und Rückkopplung, nach den nicht erfüllten Erwartungen beim Individuum, in jüngster Zeit auf die Ebene des Bildungssystems verschoben zu haben. Die Rhetorik der Effizienzsteigerung, Steuerbarkeit, Überprüfbarkeit und Verwissenschaftlichung der aktuellen Bildungsreformen scheinen denjenigen der Debatte um ,Lernmaschinen‘ zumindest sehr ähnlich.

Forschungsstand
Im Bereich ,Lernmaschinen‘ (teaching machines) lässt sich international eine rege Forschungstätigkeit feststellen. Zuther untersucht etwa den Untergang der ,Lernmaschinen’ aufgrund der Entwicklung von Computern (Zuther 1996), während Petrina sich in einem Zeitschriftenaufsatz der ersten behavioristisch angelegten technischen ,Lernmaschine‘ des US-Amerikaner Pressey zu Beginn des 20. Jahrhunderts widmet (Petrina 2004). Tröhler beschreibt den Einfluss der technokratischen Ideologie während des Kalten Kriegs auf die Entwicklung der ,teaching machines’ (Tröhler 2013). Mit der allgemeinen Geschichte von Unterrichtstechnologien in der Schule bei besonderer Berücksichtigung von ,teaching machines’ hat sich Bill Ferster auseinandergesetzt (Ferster 2014). Caruso und Kassung befassten sich mit der Bedeutung von Maschinen in der jüngeren Geschichte und der allgemeinen Angst des Menschen, von einer Maschine ersetzt zu werden (Caruso/Kassung 2015) und Zabel hat die Geschichte und Entwicklung von ,Lernmaschinen’ in der DDR untersucht (Zabel 2015). Die Situation in der Schweiz wurde bislang kaum untersucht. Ausnahmen bilden Zeitschriftenbeiträge zum ,Programmierten Unterricht’ im Kanton Zürich (Hoffmann-Ocon/Horlacher 2015; Horlacher 2015) sowie zur Entwicklung und Etablierung des Sprachlabors in Zürcher Schulen (Bosche/Geiss 2010).

Fragestellungen

  • Welche Hoffnungen und Versprechen waren mit den neuen Technologien verbunden?
  • Welche ,Lernmaschinen’ wurden angeboten, gekauft, getestet oder fanden den Weg in den Unterricht?
  • Wie nahmen die Lehrkräfte das Konzept der ,Lernmaschinen’ auf?
  • Welche Utopien waren mit der neuen Technologie verbunden?

Methoden

  • Historische Diskursanalyse der Debatte um den Einsatz von ,Lernmaschinen’ in der Schule.
  • Empirisch-historisches Quellenstudium zu Anschaffungen, Anwendungen und Schulversuche mit ,Lernmaschinen’.

Quellen
Analyse gedruckter Quellen im Untersuchungszeitraum 1960 bis 1980:

  • Pädagogische Zeitschriften
  • Erziehungswissenschaftliche Fachliteratur und pädagogische Lexika
  •  Zeitungsberichte

Analyse ungedruckter Quellen im Untersuchungszeitraum 1960 bis 1980:

  •  Forschungsbibliothek Pestalozzianum
  • Staatsarchive und Bundesarchiv

Literatur
Bosche, Anne/Geiss, Michael (2010): Das Sprachlabor – Steuerung und Sabotage eines Unterrichtsmittels im Kanton Zürich, 1963-1976. In: Jahrbuch für historische Bildungsforschung, 16, 119–139.

Caruso, Marcelo/Kassung, Christian (2015): Maschinen und Mechanisierung in der Bildungsgeschichte: Einführung in den Thementeil. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, 20, 9–20.

Ferster, Bill (2014): Teaching Machines: Learning from the Intersection of Education and Technology. Baltimore.

Gerteis, Martel (1963): Der «Elektronische Schulmeister». In: Rote Revue: sozialistische Monatsschrift, 42(10), 259–268.

Hoffmann-Ocon, Andreas/Horlacher, Rebekka (2015): Technologie als Bedrohung oder Gewinn? Das Beispiel des programmierten Unterrichts. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, 20, 153–175.

Horlacher, Rebekka (2015): The Implementation of Programmed Learning in Switzerland. In: Tröhler, Daniel/Lenz, Thomas (Hrsg.): Trajectories in the Development of Modern School Systems: Between the National and the Global. New York: Routledge, 113–127.

Petrina, Stephan (2004): Sidney Pressey and the Automation of Education, 1924-1934. In: Technology and Culture, 45, 305–330.

Tröhler, Daniel (2013): The technocratic momentum after 1945, the development of teaching machines, and sobering results. In: Journal of Educational Media, Memory, and Society, 5(2), 1–19.

Zabel, Nicole (2015): Die Lehrmaschine und der Programmierte Unterricht – Chancen und Grenzen im Bildungswesen der DDR in den 1960er und 1970er Jahren. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, 20, 123–152.

Zuther, Friedrich (1996): Die Aufhebung der Lehrautomatenentwicklung im Zuge der Entwicklung der Arbeitsplatzrechner. Aachen: Shake.