Ehemalige Verdingkinder erzählen

Promovierende: Astrid Bieri, astrid.bieri@unibas.ch
Keywords: Verdingkinder, Biografie, Bildungsprozesse
Gutachtende: Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, Prof. Dr. Béatrice Ziegler
Laufzeit: 2015-2020

Das Leben vieler Verdingkinder war geprägt von Armut, sozialer Isolation, Diskriminierung und Ausbeutung. Während der letzten zwei Jahrhunderte wurden bei Familien, die von Armut betroffen waren, Zwangsmassnahmen angeordnet, welche unter anderem beinhalteten, dass ihnen die Kinder weggenommen und in Bauernfamilien gegeben wurden. Damit wurden sie zu Verdingkindern. In diesen landwirtschaftlichen Pflegefamilien mussten diese Kinder als billige Arbeitskräfte arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen (Leuenberger et al. 2011: 9). Diese Praxis war vorwiegend armenrechtlich und später mit Verweis auf das Kindeswohl begründet (Leuenberger et al. 2011: 9). Fern von ihren eigenen Familien wurden die Verdingkinder oft lieblos behandelt, geschlagen und mussten hart arbeiten (u.a. Leuenberger und Seglias 2010: 9).

Das Ziel dieser Arbeit ist eine ressourcenorientierte und salutogenetische Betrachtung von Lebensgeschichten fünf ehemaliger Verdingkinder. Trotz Terror und traumatischen Erfahrungen in der Kindheit haben die fünf Biografen ihre Leben gemeistert. Sie haben sich aus- und weiterbilden lassen, haben soziale Bindungen aufgebaut und Familien gegründet. Wie sie das trotz denkbar schlechter Ausgangslage erreicht haben, ist Thema dieser Arbeit.

Anhand biografischer Fallrekonstruktion will ich zeigen, wie es ihnen gelungen ist und noch heute gelingt, trotz erlebtem Unrecht, sich und der Welt gegenüber eine positive Grundhaltung zu entwickeln.

Folgende Frage steht im Fokus meines Forschungsinteresses:
Inwiefern gelingt es Menschen, welche unter traumatischen Bedingungen aufgewachsen sind, trotz schwieriger Ausgangslage, der damit einhergehenden Benachteiligung und weiteren schwierigen Lebensverläufen, ein Kohärenzgefühl im Sinn Aaron Antonvskys aufzubauen und in ihrem Leben Bedeutsamkeit, Verstehbarkeit und Handhabbarkeit wahrzunehmen?

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovskys sprach in den 1970er Jahren mit Frauen, die trotz dem erlebten Grauen in Konzentrationslagern in einem bemerkenswert guten physischen und psychischen Gesundheitszustand waren (Antonovsky 1997:15). Diese Entdeckung führte zu weiteren Untersuchungen Antonovskys, der schliesslich mit dem ‚Kohärenzgefühl’ eine Antwort auf seine Frage nach gesundheitsfördernden Komponenten zu finden glaubte. ‚Bedeutsamkeit’, ‚Verstehbarkeit’ und ‚Handhabbarkeit’ sind laut Antonovsky (1997:34f.) die drei Komponenten des Kohärenzsinns.

Mit dieser Arbeit wird die Genese des Kohärenzgefühls trotz prekären Lebenslagen erforscht. Nicht die Nachteile und die negativen Folgen der Verdingung stehen also im Zentrum, vielmehr werden die Ressourcen im Umgang mit bedrohlichen Lebensumständen bei ehemaligen Verdingkindern herausgearbeitet.

Das methodische Vorgehen orientiert sich an dem von Gabriele Rosenthal (2011) vorgeschlagenen und mitentwickelten Verfahren, welches Elemente der Objektiven Hermeneutik Ulrich Oevermanns und der Erzähl- und Textanalyse Fritz Schützes enthält (Rosenthal 2011: 54). Dazu führe ich narrative Interviews mit ehemaligen Verdingkindern und stelle die Frage nach dem biografischen Umgang mit der eigenen Verdingung und nach deren biografischer Bearbeitung. Dieses soziale Phänomen, vorläufig benenne ich es mit dem Begriff „Umgang mit der eigenen Verdingung“, werde ich in seiner Genese und im Gesamtzusammenhang der Biografie der Betroffenen interpretieren. Das bedeutet, dass ich meine BiografInnen nach ihrer gesamten Lebensgeschichte und nicht unmittelbar nach ihren Erfahrungen mit der erlebten Verdingung frage. Erste Erkenntnisse gewinne ich bereits aus der Art und Weise, wie die Befragten ihre Verdingung thematisieren bzw. de-thematisieren. Es handelt sich dabei um ein hypothesengenerierendes Verfahren. Es impliziert, dass Hypothesen ausschliesslich aus dem vorliegenden Material gebildet werden, was eine grösstmögliche Offenheit des Forschers bzw. der Forscherin bei der Auswertung erfordert (Hofmann-Riem 1980, zitiert nach Rosenthal 2011: 47). Die Auswertung einer Lebensgeschichte endet mit der Formulierung eines Typus bezogen auf diesen einen Fall (Rosenthal 2011: 207). In dieser Studie werde ich also Typen zu einem möglichen Umgang mit dem sozialen Phänomen „Umgang mit der eigenen Verdingung“ hinsichtlich der eingangs gestellten Forschungsfrage bilden.

Mit meinem Forschungsvorhaben werde ich dem Forschungsdesiderat des Lengwiler-Berichts weitgehend gerecht. Dessen AutorInnen fordern eine Ausweitung der Forschung auf die Zeit nach 1940, eine ereignisoffene Fragestellung sowie einen konsequenten Einbezug der betroffenen Personen (Lengwiler, Hauss, Gabriel, Praz, German 2013: 50f.).

Literatur

Antonovsky, Aaron (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung von Gesundheit. Deutsche Übersetzung von Alexa Franke. Tübingen: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie.

Lengwiler, Martin; Hauss, Gisela; Gabriel, Thomas; Praz; Anne-Françoise; Germann, Urs (2013): Bestandsaufnahme der bestehenden Forschungsprojekte in Sachen Verding- und Heimkinder. Bericht zuhanden des Bundeamts für Justiz EJPD. www.fuersorgerischezwangsmassnahmen.ch/pdf/Bericht_Lengwiler_de.pdf: 15.08.2014

Leuenberger, Marco; Seglias, Loretta (Hrsg.) (2010): Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen. Zürich: Rotpunktverlag. 1. Auflage 2008.

Rosenthal, Gabriele (2011): Interpretative Sozialfoschung. Eine Einführung. Weinheim und München: Juventa Verlag.

 

 

Astrid Bieri