Das Rütli – ein Denkmal für eine Nation? Zur Dynamik des kollektiven und individuellen Umgangs mit dem Rütli als Denkmal, Mythos und Ritual seit der Bundesstaatsgründung

Autor: Dr. des. Martin Schaub

Abstract:
Denkmäler sind Orte des informellen Geschichts-Erlebens und –Lernens. Zur individuellen historischen Konstruktion tragen sowohl tendenziell wissenschaftlich basiertes historisches Wissen als auch sogenannte subjektive Theorien bei. Aus geschichtsdidaktischer Sicht bieten sich deshalb empirische Gebrauchsanalysen von Denkmälern an, welche Wissensbestände, Motive und Lesarten von Besucherinnen und Besuchern untersuchen.

Die vorliegende Analyse solchen Geschichts-Erlebens basiert auf Hettlings kulturanthropologisch ausgerichtetem Konzept des „Erlebnisraums“, der aus einem Denkmal, aus dem damit verbundenen politischen Mythos und seinem Gebrauch in Form des Festes resp. des Rituals besteht. Als authentifizierendem Rahmen kommt der Gestaltung und Wirkungsabsicht der Denkmalsgestalt besondere Bedeutung zu.

Untersuchungsgegenstand ist das Rütli, ein Nationaldenkmal mit grosser politisch-ideologischer Strahlkraft. Methodisch orientiert sich die Arbeit an Mix-Methods-Ansätzen. Dazu gehört die quellenkritische Auswertung von heterogenen und teilweise seriellen Archivmaterialien, wie Reiseführer, Fernseh- und Zeitungsbeiträgen oder die bisher kaum ausgewerteten Gästebücher des Rütlihauses. Bildinterpretatorische und sozialwissenschaftliche Analysen basieren ihrerseits unter anderem auf Kurzinterviews, die auf der Rütliwiese geführt wurden, auf Kurzfragebögen, die ebenfalls in situ zum Einsatz kamen oder Postkarten und privaten Bildserien von „flickr“, einer populären Online-Fotocommunity.

Das Funktionieren des „Erlebnisraums“ Rütli im chronologischen Längsschnitt folgt keiner linearen Entwicklung, auch wenn tendenziell die ursprüngliche, zumindest teilweise emotionale Dichte durch eine eher freizeitliche Benutzung abgelöst wird. Es scheint vielmehr, dass sich die einzelnen Elemente des „Erlebnisraums“ in ihren „Aggregatzuständen“, also ihrer Gestalt und ihrem Gehalt, verändern können, dass sie aber im Zusammenspiel immer noch oder wieder zu einem Erlebnis im Sinne Hettlings zu führen vermögen. Dabei unterliegen die drei Komponenten, also der Mythos, das Denkmal und das Fest, einer unterschiedlichen Dynamik. Auf der einen Seite zeichnet sich der schweizerische Gründungsmythos durch grosse narrative Konstanz und mythomotorische Lebendigkeit aus – im Gegensatz zum ebenfalls dekonstruierten Rütli-Rapport, der zwar kollektiv-minoritär lebendig gehalten wird, der aber individuell nur noch einer Minderheit bekannt ist. Der Mythos zusammen mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen haben die Denkmalgestalt und die praktizierten Rituale geprägt. Gerade die letzteren haben sich – teilweise wohl schon sehr früh – von Ritualen zu Ritualisierungen ausgedünnt, klar erkennbar beim individuellen Umgang, in vielerlei Hinsicht auch bei der kollektiven Benutzung. Für die Praxis zum Rütli-Rapport nach der Wende von 1989 trifft dies in noch weit höherem Mass zu.

Die gewonnenen Erkenntnisse können die Grundlage bilden für Projekte geschichtsdidaktischer Ergebnis- und Wirksamkeitsforschung, welche nach der Effektivität ausserschulischer Aktivitäten fragen.